Das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets

30 10 2009

Martin Weigert antwortet auf netzwertig.com auf die Frage, wie man das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets beschreiben kann mit der Feststellung, dass schon die Frage falsch gedacht ist:

WiWo-Chef Tichy liefert in seiner Frage den Denkfehler gleich mit, der die etablierten Parteien dazu bringt, eine wachsende Zahl von (Jung-)Wählern durch ihre Ansprache und ihr Parteiprogramm nicht mehr zu erreichen: Er sucht das Lebensgefühl des Piraten-Umfeldes jenseits vom Internet. Doch lässt sich hier tatsächlich noch zwischen Internet und der realen Welt unterscheiden? Ich behaupte, nein.

Ein wichtiger Teil des Lebensgefühls im Netz aktiver Bürger ist die nicht mehr vorhandene Unterscheidung zwischen offline und online. Das Internet ist nicht mehr eine Mediengattung unter vielen, sondern es ist DAS allgegenwärtige Medium, welches einen rund um die Uhr begleitet.

Das ist so treffend formuliert, dass es mir einen eigenen Blogeintrag wert ist. Das Internet ergänzt das Leben quasi um eine Metaebene. Der Gedanke, dass man sich jetzt ins Netz einwählt, dort etwas tut, als wäre es ein eigener Ort, als würde man dorthin verreisen und danach von dort zurückkehren, ist so unglaublich naiv gedacht. Sowas kann nur von Menschen kommen, deren Zugang zum Netz über Bin ich schon drin, oder was? in den letzten zehn Jahren nicht wirklich hinausgekommen ist. Dass man sich mit so einer ahnungslosen Anfänger-Attitüde überhaupt noch auf das Parkett der breiten Öffentlichkeit traut, liegt einzig und allein daran, dass man noch in bester Gesellschaft ist. Nichts gegen Anfänger, jeder fängt mal klein an, die Frage ist aber, ob man sich dann unbedingt ahnungslos stolpernd in dieser Größenordnung äußern muss. Ich würde mich in jedenfalls Grund und Boden schämen, wenn ich mich auf bundespolitischer Ebene so naiv etwa zum Thema Finanzmarkt äußern würde. Ein schönes Beispiel für peinlichst ahnungsloses Geqautsche leiferte zuletzt Frau Zypries mit ihrem Google-SMS-Gestammel ab.

Nun darf man natürlich hoffen, dass sich diese Leute rauswachsen, das werden sie auch sicher tun. Aber in der Zwischenzeit werden sie noch so viel kaputt machen mit ihrem Bestreben, das Internet zu bekämpfen. Das Internet geht nicht wieder weg und es wird sich auch ganz sicher nicht mehr zurückziehen und sich seine Nische suchen neben Zeitungen und Fernsehen. Es durchdringt die Gesellschaft um Klassen tiefgreifender und revolutionärer als das etwa der Buchdruck getan hat, eben weil es einen universellen Ansatz verfolgt. Es ist OK, sich da raus zu halten. Aber dann sollte man sich auch nicht einmischen. Ich lese keine Tageszeitung, hab ich noch nie getan. Ein bisschen schäme ich mich dafür, weil ich weiß, dass in Zeitungen viele gesellschaftlich wichtige Dinge drinstehen. Aber ich ziehe aus diesem Umstand nicht den Schluss, dass man Gesetze zur Eindämmung der gemeinen Zeitung erlassen muss. Ich finds doof, deswegen ist es doof und deswegen gehört es bekämpft. Was für ein hirnverbrannter und selbstverliebter Ansatz ist das denn bitte?

Und weil noch zu viele Leute so drauf sind, haben die Piraten eine gesellschaftlich so wichtige Funktion als Korrektiv und Denkanstoßgeber. Diese Funktion haben sie bisher großartig ausgeübt. Ohne eine so aufstrebende Jungpartei würden diese Themen in Zeit, Spiegel, FAZ und Co. noch immer keine echte Beachtung finden. Allein durch die Anwesenheit der Piraten als Manifestation der schon zuvor zu erahnenden gesellschaftlichen Umwälzung wird plötzlich recht offen über das Thema Informationsgesellschaft geredet. Erst seit jemand in der breiten Öffentlichkeit aufgetaucht ist, der offenbar beim Thema Informationsgesellschaft echtem Expertentum eine laute Stimme gibt, wird es zunehmend peinlich, sich ahnungslos zu äußern. Zumindest fällt die Peinlichkeit naiver Äußerungen dadurch immer mehr Leuten auf, was sich irgendwann auch rückkoppeln wird und die Anfänger sich vorsichtiger äußern lassen wird. So zumindest meine Hoffnung.


Mal abwarten, was die Koalitionskompromisse ergeben

19 10 2009

In den Wochen seit der Wahl halte ich mich sehr zurück und bin sehr gespannt. Ich muss vor allem dringend weniger politisch werden, das nervt alle um mich herum; aber trotzdem sei noch mal etwas zum Zeitgeschehen gesagt: Die Koalitionsverhandlungen sehen verschiedene Fortschritte vor, auf die ich gar nicht näher eingehen will, weil es einfach zu früh ist. Links gibts heute keine, lest mal selber die Nachrichten. Teilweise, wie bei der Vorratsdatenspeicherung, wird einem im Grunde der durch das BVerfG vorgelegte Status Quo als Fortschritt verkauft, das klingt schon mal verdächtig nach heißer Luft. Bei den Netzsperren gibt es einen sofortigen Stopp, die Sperrliste wurde also nicht, wie vorgesehen, am 17.10.2009 an die Provider ausgeliefert. Das ist ein gutes Zeichen, aber weit von einer echten Lösung entfernt. Zum einen könnte die Sperrliste jederzeit doch kommen, zum zweiten ist das rechtsstaatlich zumindest fragwürdig (dass die Regierung solche Erlasse ausgibt) und zuletzt ist die Nummer nur für ein Jahr ausgesetzt. Die Stoßrichtung kann also nur sein, den Widerstand zu schwächen und den Mist dann eben in einem Jahr durchzuziehen, wenn etwas Gras drüber gewachsen ist. Man muss ja nichts großartiges mehr unternehmen: Die Infrastruktur ist da, das Gesetz auch, man muss nur auf den roten Knopf drücken.

So wirkt das Ganze auf mich wie eine Hand voll Sand in unseren Augen. Ein klitzekleiner Etappensieg, ja, aber einen Durchbruch kann ich einfach nicht erkennen. Immerhin hat die FDP nach Außen eine Richtung gesetzt und das ist der Kernwert des Ganzen, da kann man anknüpfen. Die Forderungen bleiben aber offen:

  • Ein klares Nein zu Netzsperren, vorzugsweise mit einer klaren Anerkennung der Netzneutralität als treibende Kraft der modernen Gesellschaft. Das Gesetz muss auf jeden Fall endgültig vom Tisch.
  • Die Vorratsdatenspeicherung muss ganz aufgehoben werden. Auf das BVerfG zu warten ist keine Lösung.
  • Der Hackerparagraph muss weg! Er ist 100% nutzlos, schafft aber auch nach der Konkretisierung durch das BVerfG weiterhin große Rechtsunsicherheit in Sachen IT-Sicherheit im Betrieb und bei der Ausbildung. Wer hat sich diesen unlogischen Unsinn eigentlich ausgedacht? Mit welchem unrealistischen Ziel im Hinterkopf?
  • Der Bundestrojaner wurde etwas eingeschränkt, immerhin. Aber das dadurch entstehende Misstrauen gegenüber dem Staat in Bezug auf die eigene IT-Infrastruktur ist damit nicht vom Tisch. Der Bundestrojaner muss abgeschafft werden (bzw. darf nie zur Anwendung kommen).
  • Die klare Absage an die abgestufte Erwiederung, auch als Three-Strikes bekannt, ist ein guter Schritt, aber das hätte ich auch gerne mal vor dem BVerfG auf die Verträglichkeit mit den Grundrechten und überhaupt auf Verhältnismäßigkeit geprüft gesehen.

Also liebe FDP, die Ansätze sind zwar schön öffentlichkeitswirksam, aber momentan noch zu unkonkret. Erst die nächsten vier Jahre werden zeigen, wie ernst euch die Geschichte mit den Bürgerrechten und der Informationsgesellschaft ist und ob die massiven Zugewinne durch die Hoffnungsvollen in die Verlängerung gehen können oder aber wieder wegfallen werden.

Guckt euch die Kernforderungen der Piraten mal an, die meisten davon sind ausgesprochen vernünftig und das Wählerpotenzial ist so klein nicht. 2% als neue Partei bei dem Namen und dem fragwürdigen Image und der Beschränkung auf so wenige Themen sind eine klare Aussage, 13% der männlichen Erstwähler und 9% der Jungwähler ebenfalls. Aber dazu müsst ihr zusätzlich auch den wahnsinnsgetriebenen Killerspiele-Verbots-Forderungen der CDU/CSU klar entgegen treten. Denkt dran, die meisten Piratenwähler sind genau Eure Zielgruppe, zumindest wenn ihr eure Werte ernst nehmt. Es liegt an Euch, ob die Piraten in vier Jahren die 5%-Hürde knacken oder wegen Überflüssigkeit wieder verschwinden werden. Die CDU ist sowieso verlorenes Land, also liegt es in erster Linie an Euch.

P.S. Johnny Haeusler stellt sich die alles entscheidende Frage: Wo ist der Haken?. Darauf bin ich auch gespannt.


Wählen gehen! Oder auch nicht.

27 09 2009

So Freunde der Nacht, es ist Wahltag und alle gehen hin. Es gilt allgemein als der Demokratie wenig zuträglich, wenn die Wahlbeteiligung gering ist, in Belgien gibt es sogar (wie in einigen anderen Lädern, siehe Wikipedia) eine Wahlpflicht. Grundsätzlich stimme ich der herrschenden Meinung zu, dass nicht zu wählen schlecht für die Demokratie ist. Aber andererseits stellt sich mir die Frage, warum das eigentlich so sein soll?

Nehmen wir mal an, es gibt im Volke etwa 1/3 der Bürger, die aus politischer Motiviation heraus und inhaltegetrieben irgendeine Partei wählen, die restlichen 2/3 sind im Grunde uninformiert und interessieren sich auch nicht groß dafür. Die Zahlen könnten auch beliebig anders aussehen, so lässt sich aber leichter rechnen. Also diese nur partiell von BILD und Co. informierten Wähler überblicken die Tragweite der Wahl nicht so recht. Davon geht die eine Hälfte zur Wahl, die andere Hälfte eben nicht, weil es für sie sowieso keinen Unterschied macht, wer jetzt wie was abstimmt, es ist alles scheiße oder alles schon OK so. Die andere Hälfte aber geht zur Wahl und wählt nicht inhaltegetrieben, sondern nach Bauchgefühl und Nasenfaktor. Jetzt stellt sich mir die Frage: Warum soll es der Demokratie zuträglich sein, wenn der Anteil der Nasenfaktor-Wähler gesteigert wird? Man stelle sich als Gedankenspiel mal vor, alle würden zur Wahl gehen (müssen, wollen, egal warum). Dann würden die Leute, denen das alles total egal ist halt irgendwen wählen, der gut aussieht oder gut klingt oder populistische Versprechungen macht; das Drittel politisch interessierter und aus halbwegs fundierter Meinung heraus wählender Bürger würde ins Hintertreffen geraten.

Meine Prämisse ist also, dass eine hohe Wahlbeteiligung keineswegs das Interesse an der konkreten Politik erhöhen würde. Es wäre ja begrüßenswert, wenn das anders wäre, aber das ist es in meinen Augen eben gerade nicht. Leute gehen nicht zur Wahl, weil sie entweder im Großen und Ganzen zufrieden mit der aktuellen Situation sind und ihnen deswegen der Ausgang der Wahl egal ist, oder weil sie alles so doof finden, dass sich ihrer Meinung nach eh nichts ändern wird. Stimmen dieser Gruppen sind nicht zweckdienlich, sondern im Gegenteil tendenziell eher schädlich. Also begrüße ich es, wenn jemand nicht wählen geht und somit anderen die Entscheidung überlässt. Das ist allemal besser, als einfach ohne Sinn und Verstand irgendwen zu wählen. Warum soll irgendwen wählen der Demokratie zuträglich sein? Was wäre die Folge? Die Parteien würden sich primär auf diese Leute stürzen und einen rein populistischen Wahlkampf machen, echte und komplexe Inhalte wären noch schwieriger zu verkaufen, als jetzt schon. Das ist kein Dienst an der Demokratie, sondern bestenfalls Rauschen.

Meine Prämisse und die daraus abgeleitete Folgerung ist – zugegeben – ein reichlich elitärer Ansatz. Ich möchte aber niemandem das Wahlrecht absprechen oder die Gewichtung ändern, wie das mitunter als Forderung aus der CDU kommt. Das ist tatsächlich ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. Ich widerspreche lediglich der herrschenden Forderung, dass doch bitte alle wählen gehen sollen. Natürlich wäre es wünschenswert, dass alle sich politisch informieren und dann wählen gehen, um eine Regierung zu legitimieren. Aber so ist es ja nicht. Ich ändere die Forderung also ab: Ich fordere von allen Bürgern, sich politisch zu informieren und zu interessieren. Solange das nicht erfüllt ist, ist eine niedrige Wahlbeteiligung an sich nur ein Symptom dieses Desinteresses, mithin nur mittelbar schlecht für die Demokratie. Im Wunsch nach höherer Wahlbeteiligung schwingt immer die naive Hoffnung mit, dass die Nichtwähler der richtigen (also der eigenen) Meinung zugetan sind. Bei der SPD mag das in Teilen auch stimmen, aber gesamt gesehen halte ich das für eine steile These. Was nicht heißt, dass es illegitim wäre, Nichtwähler zu umwerben.

Also modifizierte Forderung: Geht unbedingt wählen, aber nur, wenn ihr nach irgendwie zielführenden Kriterien entscheidet. Zielführend ist es übrigens durchaus auch, ungültig zu wählen oder aus Protest, wenn man sich der Aussage klar ist, die das trifft.


Kevin und Justin habens schwer

16 09 2009

Gerade las ich im Schulspiegel einen Artikel mit dem Titel Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose. Da geht es um eine wissenschaftliche Untersuchung, die zeigt, dass Grundschullehrer Vorurteile gegenüber verschiedenen Namen haben. Kevins und Justins, Chantals und Mandys halten ein überwiegender Teil der Lehrer allein vom Namen her für weniger leistungsstark als Maximilians, Maries, Lukas (von denen ich spontan keine Mehrzahl bilden kann) und Neles. Das geht mir ganz genau so. Kein Mensch bei Verstand nennt sein Kind Kevin oder Justin, wirklich nicht. Wenn man von vornherein klarstellen will, dass sein Kind dem Prekariat angehört, gibt man ihm solche Namen. Ich frage mich, wie es sein kann, dass auch nach gefühlten 15 Jahren schlechten Rufs immer noch Menschen ihre Kinder derart brandmarken. Warum nur? Die Namen klingen ja nicht mal schön.

Was ich aber von so einer Untersuchung ebenfalls erwarte, ist, dass neben dem wegen unreflektierter Vorurteile erhobenem Zeigefinger auch eine Überprüfung eben dieser Vorurteile stattfindet. Es wäre doch mal spannend zu erfahren, ob Kevins und Justins tatsächlich weniger leistungsstark sind als andere Kinder. Es würde mich überraschen, wenn es im Zuge von Pisa und vergleichenden Schultests keine objektiv erhobenen Zahlen dazu gäbe. Denn ich habe das deutliche Gefühl, dass Kinder mit solchen Namen signifikant eher bildungsfernen Schichten angehören und das hat ja bekanntlich sehr wohl objektiv messbare Auswirkungen auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Was jetzt nicht heißen soll, dass das ein Automatismus ist.

Man ist also nicht blöd, weil man Kevin heißt, sondern hat mit hoher Wahrscheinlichkeit blöde oder auf dem Mond lebende oder mit eigentümlichem Humor ausgestattete Eltern, was wiederum nicht selten eine Mitschuld daran trägt, wenn man etwas weniger klug ist als seine Altersgenossen aus Akademikerhaushalten. Wobei blöd jetzt auch schon wieder ein blödes Wort ist. Und fair ist das tatsächlich nicht, der erhobene Zeigefinger hat ja durchaus seine Berechtigung. Das Problem ist nun mal, dass Lehrer auch Menschen sind und Menschen haben die Neigung zu verallgemeinern, bewusst oder unbewusst.

Mal Hand aufs Herz: Welche Eigenschaften assoziiert Ihr spontan mit einem Kind, das Kevin, Justin, Jaqueline oder Chantal heißt? Und welche Assoziationen habt Ihr bei Kindern, die Evalotte, Marie, Philipp oder Malte heißen? Woraus stützt sich das bei Euch? Eben.

Nachtrag 05.12.2009: Gerade fällt mir ein, woran man recht klar erkennen kann, ob ein Mädchen eher Jaqueline oder Marie heißt: Hat sie (auch schon in der Grundschule) weiße Stiefel an, ist der Fall klar. Ich muss echt mal was über weiße Stiefel schreiben.


Wordpress hat schlimmen Code, andere aber auch

07 09 2009

Wer ernsthaft beruflich oder auf hohem Niveau in seiner Freizeit mit PHP arbeitet und älter als 15 ist, dem stehen wahrscheinlich beim Blick in den Quellcode von Wordpress die Haare zu Berge. Code is art ist ein wunderschöner Wordpress-Slogan, der in dem Kontext aber wirklich mehr als unangebracht ist. Schlimmer als der zusammengezimmerte Kern von Wordpress, der aktuell mal wieder mit einem notdürftigen Flicken gegen den grassierenden Wordpress-Wurm repariert wurde, sind aber die meisten PlugIns. Viele sind offenbar von blutigsten PHP-Anfängern schnell und ergebnisorientiert runterprogrammiert worden, was von Wordpress ja geradezu provoziert wird und was auch großen Anteil an der Beliebtheit des Systems trägt. Jeder ahnungslose Anwender kann mit ein paar Zeilen PHP-Code schnell das erreichen, was er gerade braucht. Das erinnert mich an meine Anfänge mit PHP im Jahr 2001 mit dem damals herausragenden phpBB 1.4. Hier war im Grunde alles hartkodiert und wenn einem irgendwas nicht gefiel, hackte man irgendwie im Quellcode herum. Ein Templatesystem wurde erst mit Version 2 eingeführt und auch hier hackte man noch alle möglichen MODs in das System, was ein Update praktisch unmöglich machte. Folge waren haarsträubende Sicherheitslücken, die nicht gestopft wurden. Wordpress vermeidet dieses Modding immerhin mit einem sehr flexiblen PlugIn-System, der Zugang für Dilettanten und Anfänger wurde dadurch aber noch einfacher. Das Ergebnis sehen wir zur Zeit, Gerrit van Aaken hat das schon zusammengefasst: Bei Wordpress hilft nur ein schmerzhafter Neuanfang, so wie TYPO3 das momentan auch vollzieht und wie phpBB das auch schon zwei mal hinter sich hat.

Nun will ich nicht so viel auf Wordpress rumhacken, wenn ich es selber gar nicht benutze. Im Grunde ist das System großartig, wenn man die miese Codebasis ignoriert. Ich will auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich die Codequalität von Serendipity-PlugIns. Wann immer ich ein Seitenleisten-PlugIn installiert habe, musste ich dessen Code bearbeiten, weil die HTML-Ausgabe standardmäßig schlimm aussah oder gar fehlerhaft war. Das PlugIn-System von S9Y ist auf den ersten Blick recht kompliziert, was totale Dilettanten vom PlugIn schreiben abhält; das ist schon mal gut. Trotzdem ist die Codequalität der PlugIns oft eher mäßig. Fast überall wird zum Beispiel der HTML-Code mit echo direkt da ausgegeben, wo er anfällt, natürlich mit irgendwelchem HTML-Code drumherum, den der Autor gerade für angemessen hielt. Kein Wunder also, dass der Output nicht immer angemessen ausfällt. Ich habe vor einiger Zeit ein eigenes Seitenleisten-PlugIn für Twitter geschrieben, weil das alte u.a. genau dieses Problem zeigte. Ein Kernfeature meines PlugIns war der Einsatz einer Templating-Engine. Die zu implementieren war PHP-seitig ein Kinderspiel für jeden halbwegs erfahrenen PHP-Programmierer. Die Frage ist nun, warum zur Hölle von den paar offiziell verfügbaren PlugIns noch fast keines so ein Templating-System mitbringt? Es täte S9Y wirklich immens gut, wenn sich mal jemand hinsetzen würde und ein paar der PlugIns auf den aktuellen Stand bringen würde. Also zumindest eine Templating-Engine einbauen und die Ausgabe entsprechend anpassen, aber auch manch andere Routine könnte mal überarbeitet werden. Gegenüber Wordpress ist das Jammern auf hohem Niveau, aber auch S9Y ist merklich in die Jahre gekommen, vor allem seine PlugIns.

Wenn ich sowas lese, pflege ich zu antworten, derjenige soll nicht jammern, sondern selber anpacken. Das gilt auch für mich, sicher. Allerdings habe ich immens schlechte Erfahrungen mit meinem Twitter-PlugIn gemacht. Das einzige konstruktive Feedback kam vom unglaublich engagierten Chefprogrammierer selber, der mir meinen ursprünglich geplanten Arbeitsaufwand mit Änderungswünschen um das Mehrfache aufgeblasen hat. Am Ende war das neue PlugIn wirklich großartig geworden, ich bin richtig stolz darauf. Die ganzen angeforderten Änderungen kreisten alle um funktionale Anpassungen an das alte PlugIn, so dass mein neues PlugIn alle Funktionen des alten hatte, nur eben diesmal in gut. Dann kam das Problem: Es gab kein Feedback von Dritten und stattdessen hat mir ein ätzender Troll auch noch ans Bein gepisst und einen extra Thread im Forum aufgemacht, um mich als Schnösel zu dissen (weil ich PHP4 Nutzer, die PHP4 Kompatibilität einfordern, als Ewiggestrige bezeichnet habe und er sich davon angesprochen fühlte). Ich habe mein Engagement für S9Y daraufhin nach ein paar Tagen Diskussion eingestellt, denn für kostenlose und gute Programmierarbeit möchte ich echt alles andere haben als von irgendwelchen undankbaren Typen beschimpft zu werden. Mein PlugIn ist übrigens nie im Repository erschienen und stattdessen gibt es ein funktional wirklich krasses anderes PlugIn; hoffentlich ist wenigstens meine Arbeit da eingeflossen und war nicht völlig umsonst. Wie auch immer: Ich werde keine Arbeit mehr zu S9Y beitragen; wenn ich etwas neu baue, reiche ich das im Forum ein und wenn sich niemand drum kümmert, soll mir das egal sein.


Es muss weh tun, aber so richtig!

02 09 2009

Der Sportartikelhersteller JAKO ist plötzlich in aller Munde. Binnen 48 Stunden erlangt die Marke die traurige Berühmtheit, die dreisteste und unangemessenste Blogger-Abmahnung weit und breit verbrochen zu haben. Die Ausgangslage gibts als Kurzfassung im Wikipedia-Eintrag zu JAKO (vorsicht: Edit-War) und eine wirklich gute Zusammenfassung des Falls liefert Thomas Knüwer im Handelsblatt.

Es ging richtig los, als ein recht gut gelesener Blog die Story aufgreift und sich die Story über Twitter innerhalb weniger Stunden durch die ganze deutsche Bloglandschaft verbreitet, wie ein Lauffeuer. Blogger reagieren extrem empfindlich auf solche Storys, weil solche Willkür jederzeit auch sie treffen kann. Und diese Variante ist neu und macht einfach nur sprachlos in ihrer realitätsverneinenden Dreistigkeit. Das ist eine neue Stufe im Abmahnwahn. Natürlich solidarisiert man sich spontan, regt sich unheimlich auf. Tags drauf erreicht die Story Spiegel Online und andere Medien (etwa heise.de oder HORIZONT.NET), das Agenda Setting von Twitter und den Blogs funktioniert inzwischen recht gut. Man spricht von einem PR-GAU erster Kajüte. Und ja, das ist es allerdings, und zwar zu Recht!

Jedes Unternehmen, das meint, in einer derartigen Form auftreten zu können, muss bluten. Es muss weh tun. Es muss ein abschreckendes Beispiel abgeben, dass sich so ein Mist nicht lohnt, sondern zu einem Bumerang schrecklichen Ausmaßes wird. Ich warte auf ein Unternehmen, dessen Untergang auf so einem Scheiß basiert und dessen Fall die PR- und Unternehmensführungsliteraur schmückt. In meinem Studium kam Unternehmensethik durchaus vor und auch der Umgang mit Kritik: Nestlé war mit seinem Milchpulver-Skandal ein Beispiel und Shell mit der Brent Spar, die Sache ist also nichts neues. Wirkt sich das in der Praxis aus? Nein. Die ganzen Business Kasper müssen eingebleut bekommen, wie man sich unternehmensethisch korrekt verhält. Im Internet scheint das noch nicht bei allzu vielen angekommen zu sein. Das, was JAKO da rausgehauen hat ist derart mustergültig asozial und falsch, dass es brummt. Ich kann wirklich nur hoffen, dass JAKO diesen Skandal auch zahlenmäßig operationalisiert aufs Brot geschmiert bekommt. Nur harte Zahlen können wirklich etwas bewegen bei ahnungslosen Entscheidern.

Aus der Geschichte lassen sich zwei Forderungen ableiten: Zum einen sehe ich eine Teilschuld ganz klar beim schief hängenden Instrument der Abmahnung. Was spricht dagegen, wie in England eine vorherige kostenfreie Anfrage bezüglich der Entfernung des Abmahngegenstandes vorzuschreiben? Ein einfacher Anruf oder eine simple E-Mail würde reichen, um die meisten Streitereien im Keim zu ersticken, schnell und unbürokratisch. Eine Abmahnung kann man immer noch raushauen, wenn das nicht fruchtet. Die zweite Forderung kommt ins Spiel, wenn die Rechtslage so bleibt: Es gibt Bedarf für ein allgemeines Verzeichnis zu Unrecht oder übertrieben abmahnender Unternehmen. Ein Zentralregister für Rechtsmittelmissbrauch quasi. Das Instrument Abmahnung ist ja mit Absicht so aufgebaut, wie es ist. Dass es derart massenhaft und haarsträubend missbraucht wird, ist ein recht neues Problem und ist mit dem Internet ins Spiel gekommen. Und das funktioniert nur, weil plötzlich Unternehmen mit Rechtsabteilung gegen leicht einzuschüchterne Bürger antreten. Da ist viel zu holen. Ein prima Thema also für die Piratenpartei, denn die etablierten Parteien kümmern sich schon seit Jahren nur halbherzig oder gar nicht um das Thema.

P.S. Natürlich hat JAKO sich auch noch einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt für seine Aktion ausgesucht: Die Netzaktivistenszene hat sich gerade erst schlagfertig aufgebaut für einen Kampf gegen all diesen Mist, die Stimmung ist nicht zuletzt wegen des Wahlkampfes extrem aufgeheizt, die Multiplikatormaschine läuft auf Hochtouren. Und dann kommt da so ein Unternehmen angestolpert, gerät volles Rohr in diese Maschine und bekommt all den grassierenden Unmut stellvertretend für die CDU volle Breitseite ab. Gegen einen deutlichen Wahlsieg der Internetausdrucker wird man nicht viel ausrichten können, aber die dafür in Stellung gebrachte Kampfkraft kann man ja mal am nächstbesten Unternehmen ausprobieren, das es sich verdient hat. Hätte JAKO die Nummer vor einem Jahr gebracht, wäre die Sache sicher anders ausgegangen.

Nachtrag 03.09.2009: Im Wikipedia-Eintrag herrscht gerade ein Edit-War über den Eintrag, deswegen gibts die schöne Kurzfassung vielleicht gerade nicht. Langfristig wird sie aber drin stehen, deswegen bleibt der Link.

Nachtrag 04.09.2009: JAKO hat inzwischen eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der man einräumt überreagiert zu haben. Kein Wort zur haarsträubenden Rechtsauffassung, die im Anwaltsschreiben sehr klar formuliert war (siehe Urprungseintrag auf allesaussersport.de), weiter spricht man in scheinbar leicht beleidigtem Ton:

Ohne die endgültige Klärung des Sachverhalts unter den Rechtsanwälten abzuwarten, alarmierte Baade daraufhin die Bloggerszene.[…]

Wir haben uns rein rechtlich überhaupt nichts vorzuwerfen, betont Rudi Sprügel, aber rückblickend betrachtet, wäre es viel besser gewesen, wir hätten mit Herrn Baade persönlich Kontakt aufgenommen und die Sache mit ihm direkt geklärt. Sprügel bedauert, dass sich die Auseinandersetzung unnötigerweise so aufgeschaukelt hat.

Ein echtes Mea Culpa sieht anders aus, aber was will man von einer Pressemitteilung anderes erwarten. Der ganze Text versucht krampfhaft, JAKO in der Sache noch halbwegs gut aussehen zu lassen. Wo ist das Signal, dass Jako und seine Rechtsberater in Zukunft vorher nachdenken und nicht nachher? Ich bin mir sicher, dass beide Seiten aus dieser unerfreulichen Geschichte gelernt haben. ist zu schwammig. Was hat JAKO aus der Sache gelernt? Sieht man ein, dass Abmahnungen der falsche Weg sind, mit Kritik umzugehen? Dass man sich einfach melden könnte und solche Sachen gütlich klären oder eben auch mal Kritik, auch unsachliche, einfach hinnehmen? Immerhin räumt man ein, dass die zweite Eskalationsstufe überreagiert war. Der Chef will sich zudem dafür einsetzen (nur einsetzen?), dass Trainer Baade keine finanziellen Nachteile erwachsen und lädt ihn zu einem Gespräch in die Firmenzentrale ein. Mir reicht das nicht für eine volle Rehabilitation. Diese Reaktion ist wirklich nur das mindeste, was JAKO tun konnte, damit es nicht noch schlimmer wird; um das Image zu reparieren, wäre aber mehr nötig. In der Uni lernt man zum Thema Krisen-PR recht klare Anweisungen, daran sollte sich auch JAKO halten. Kurz gesagt: Man geht offen auf die Kritiker zu, redet Klartext, räumt berechtigte Kritik in vollem Umfang ein, verspricht für die Zukunft Besserung im Sinne von Besserung und nicht nur "kommt nicht nochmal vor, ihr Spackos". Welche konkreten Maßnahmen hat das Unternehmen eingeleitet, um den Dialog mit den Kunden zu verbessern? Vielleicht verspricht man sogar, in Zukunft an der Diskussion teilzunehmen statt sie unterdrücken zu wollen. Und vielleicht tut man das sogar auch noch und stellt einen Community-Manager ein, der kein PRler ist, sondern eben ein Community-Manager. So kann man den Vorfall sogar ins Positive drehen, das geläuterte Unternehmen. Nur muss man das auch tun und nicht nur versprechen, sonst wird jemand garantiert die Aussagen in einem Jahr noch mal auf den Tisch holen und überprüfen. Im Übrigen ist ein Community-Manager sowieso keine schlechte Idee, auch ohne Krise. Der Community-Manager sucht Diskussionen über JAKO im Netz und klinkt sich ein, wo Kritik oder Wünsche geäußert werden. Das tut er offen als Firmenmitarbeiter und bietet Lösungen auf dem kleinen Dienstweg an. Fußballclubs haben selbstverständlich Fanbetreuer, der Community-Manager ist sowas ähnliches, nur eben für die Kunden und im Internet.


Schön gesagt Ronnie Vuine

23 08 2009

Das ist schön gesagt von Ronnie Vuine aus Berlin zur Anwesenheit der Piraten:

Die Grünen waren die politische Manifestation einer Bewegung der radikalen Infragestellung. Die Piraten dagegen sind eigentlich stockbrav. Sie haben in Sozialkunde aufgepasst und fordern die Einhaltung der Regeln ein, die man ihnen beigebracht hat. Ihre Existenz ist zweifellos das schönste Kompliment, das der alten Dame Grundgesetz zum 60sten gemacht werden konnte.

Denn genau darum geht es doch den Piraten und deren Sympathisanten. Sie sind die Gegenposition zur lobbygetriebenen Demagogie der aktuellen Regierung und Rufen zur Vernunft auf, zum Einhalten der großartigen Regeln des Grundgesetzes. Wer das verfasst hat, muss sehr weise gewesen sein und die Piraten verehren es. Und zwar tun sie das zu großen Teilen aus intellektueller (staatsphilosophischer) Reflektion heraus oder zumindest, weil ihnen das in der Schule so vermittelt wurde und es unter Nutzung des gesunden Menschenverstandes auch irgendwie sinnvoll klingt.

Aus dem gleichen Artikel stammt auch folgender Satz:

Wer in jedem Kommentar absätzelang betont, wie zweifellos schrecklich Kindesmißbrauch ist, ist bereits in der Falle des Familienministeriums, weil er das Problem als akutes politisches Problem akzeptiert — und zudem sich in vorauseilendem Gehorsam gegen einen lauernden Verdacht verteidigt, der, im persönlichen Umgang angedeutet, ziemlich handfesten Ärger nach sich ziehen würde.

Das ist genau der Grund, warum man solche Absätze bei mir nicht finden wird. Es ist allgemeiner Konsens, was von Kinderpornographie, vor allem aber von Kindesmissbrauch zu halten ist. Ich sehe wirklich keinerlei Grund, auf diesen Konsens bei jeder Gelegenheit explizit hinzuweisen, nur weil Frau von der Leyen und die BILD-Zeitung so tun, als würde jede Kritik an deren Argumentation diesen Konsens in Frage stellen. Wer also wortreich und immer wieder darauf hinweist, hält entweder seine Leser für dumm oder sollte seine Argumentation nochmals überprüfen, falls der Hinweis doch notwendig sein sollte. Dann reicht aber auch ein kurzer Satz dazu.

Via Ole Reißmann, Journalist.


Die Angst vorm Personalchef und die Authentizität

23 08 2009

Seit geraumer Zeit reift bei mir ein länglicher Blogeintrag zur Auffassung des Internets in den Köpfen derjeniger, die es nicht so recht verstanden haben. Nun gibt es im Spiegel Online einen Artikel zu genau diesen Themen, der im Grunde jedes weitere Wort überflüssig macht. Gut geschrieben und sinnvoll argumentiert, ohne wütend zu sein. Solche Artikel braucht es, vielleicht sollte der SPIEGEL sowas mal als Titelstory aufnehmen: Das missverstandene Netz.

Neben den anderen angesprochenen Punkten ist mir einer besonders wichtig: Die Angst vor dem Personalchef, der die Partybilder aus dem StudiVZ raussucht und gegen einen verwendet. Fuck Leute, wenn ein Personalchef Privatdetektive beauftragt, die einen Blick ins Privatleben seiner Mitarbeiter werfen, wäre das Geschrei groß. Das geht gar nicht, das gehört sich nicht, das macht man nicht, was für ein kranker Kontrollfreak. Exakt das gleiche gilt doch für Informationen, die online verfügbar sind. Das ist eine Frage des Stils, ein gesellschaftliches Problem und nicht eine Frage ob online oder offline. Soweit der Artikel.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Wer sich von sowas einschüchtern lässt, sollte tatsächlich keine Infos von sich ins Netz stellen und die Vorhänge zuziehen. Die Frage ist für mich aber, warum man sich vor einem (Personal)chef bezüglich seines Privatlebens verantworten muss. Muss man nicht, denn das Privatleben geht den Chef exakt nichts an, sofern es nicht den Beruf beeinflusst. Wenn mir ein Personaler beim Vorstellungsgespräch kompromittierende Fotos oder Details aus meinem Privatleben auf den Tisch legen würde, würde ich mit der Gegenfrage antworten, ob es Usus in seiner Firma ist, in die Privatsphäre seiner Mitarbeiter einzudringen. Falls er das tatsächlich bejaht (ohne wirklich gute Gründe dafür zu nennen) und die Sache weiter im Raum steht, würde ich gehen. Ich werde nicht bei einem oder für ein Unternehmen arbeiten, dessen Unternehmensethik derart verkommen ist.

Zudem wird ein Unternehmen, dass Bewerber mit betrunkenen Partybildern im StudiVZ nicht einstellt, früher oder später ein ernsthaftes Problem mit neuen guten Leuten haben: Die meisten Leute, die ich kenne und die ich für beruflich kompetent halte, haben mehr oder weniger viel mehr oder weniger kompromittierende Informationen über sich im Netz stehen. Und der letzte Punkt: Leute, die Angst haben, dass ihr Privatleben zu Problemen mit dem Chef führt, erwecken bei mir immer den Eindruck mangelnden Selbstwertgefühls, eines negativen Weltbilds, mangelnder Authentizität oder allem zusammen. Wer nicht zu all dem steht, was er tut, sollte sein Tun vielleicht einfach mal überdenken. Oder eben einfach keine Zeugnisse davon ins Netz stellen.

Womit wir beim letzten Punkt und einem weiteren Missverständnis sind: Genau diese Wahlfreiheit ist der entscheidende Unterschied zwischen freiwilligen Angaben über sich im freien Internet und staatlicher Vollzeit-Überwachung wie der Vorratsdatenspeicherung oder dem Bundestrojaner. Komisch, dass die gleichen Leute, die hierfür mit Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten argumentieren, auch die sind, die die Jugend für ihren gefährlichen Exhibitionismus kritisieren. Das ist schon ein Widerspruch. Ich blogge und twittere viel persönliches von mir, aber eben nur die Aspekte, die ich auch veröffentlichen möchte. Dass mein komplettes Telefonie-, Mail- und Surfverhalten, sowie meine Bewegungen im Handynetz unabhängig von jeglichem Verdacht für sechs Monate gespeichert werden, ist für mich jedoch ein unerträglicher Eingriff in meine Intimsphäre. Und eine Ungleichbehandlung ist es auch: Warum gilt diese Vorratsdatenspeicherung nicht auch für Briefe? Hier wäre es doch mindestens so relevant zu wissen, wer wann und wieviel mit wem Briefe schreibt. Dass ein Staat solche Informationen nicht sammeln darf, ist eine Errungenschaft des 17. und 18. Jahrhunderts, nennt sich Postgeheimnis und wurde mir in der Schule als wichtiger Eckpfeiler einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft vermittelt. Aber für Internet und Telefon gilt nun das nicht mehr, weil? Diese Frage ist bisher nicht schlüssig beantwortet.


Möchtegern-Ökos und die bösen Stromkonzerne

15 08 2009

Wie lange schon fordern viele engagierte Bürger die Energiewende? 20 Jahre? Da wird von den bösen bösen Stromkonzernen gefordert und gefordert, dass die mehr Erneuerbare Energien nutzen und investieren, die Schweine. Zwei Dinge stören mich daran:

Erstens sind überraschend viele dieser Forderer selber immer noch Kunde bei e.on, RWE, Vattenfall und Co., was sie überhaupt nicht als Widerspruch wahrnehmen. Dabei gibt es seit Jahren alternative Anbieter, die teilweise nicht mal teurer sind. Ich bezahle bei Naturstrom wirklich brauchbare 19,80ct/kWh für echten Ökostrom, also nicht mit Zertifikaten zurechtgelabelt und mit Investitionen in eigene Anlagen bzw. Unterstützung lokaler Projekte. Das ist mein fucking Beitrag zur Energiewende. Und natürlich ist mir klar, dass nicht von heute auf morgen alle mit grünem Strom versorgt werden können. Das ist aber keine Ausrede für den Einzelnen, weiterhin Atom- und Kohlestrom zu beziehen, sei es aus Wechselfaulheit oder weil man einen Cent pro Kilowattstunde sparen will. Wer also lauthals die Energiewende fordert und gleichzeitig bei den Konzernen seinen Strom bezieht, ist nicht nur ein bisschen unglaubwürdig.

Viel bescheuerter finde ich aber, wenn die Konzerne zumindest etwas (vorgeschobenes) Engagement für Erneuerbare Energien zeigen und dann Leute Sachen sagen wie Das machen die doofen Konzerne ja jetzt nur wegen dem öffentlichen Druck. Ja natürlich, deswegen machen die das. Das ist doch genau das, was die Forderer seit 20 Jahren wollen: Ein Umdenken bei den Konzernen anstoßen. Jetzt gibt es erste kleine Pflänzchen in Sachen Umdenken und dann wird undankbar weiter gemault. Natürlich reicht das bisschen Marketing-Engagements-Gefasel der Konzerne nicht aus, aber man muss schon zeigen, dass sich grün geben Erfolg beschert. Nur so lohnt es sich für die Konzerne grüner zu werden. Sie müssen merken, dass grüner Strom Erfolg bedeutet und Atomstrom tendenziell abgelehnt wird. Wer glaubt, dass eine Energiewende alleine an der Wahlurne oder mit ein paar Transparenten auf der Straße (oder auch nur leerem Gefasel) herbeizuführen ist, ist schlicht naiv. Ohne die Abstimmung mit dem Geldbeutel wird sich nichts tun, womit ich wieder bei Punkt eins angelangt bin: Wer keinen (echten oder wenigstens Zertifikats-) Ökostom bezieht, steht der Energiewende aktiv im Weg und kann sich sein Ökogelaber sparen.

Jeder Einzelne von Euch möchtegern Ökos ist in der Pflicht. Immer voll öko quatschen und die Kinder natürlich auf der Montessori-Schule haben ist das eine, selbst ökologisch handeln eine andere. Strom sparen, Benzin und Kerosin(!) sparen, kein SUV fahren, sein Handeln ökologisch hinterfragen, das sind die Stellschrauben ökologisch verantwortungsbewusster Lebensführung. Grüne wählen alleine reicht eben nicht, wobei das natürlich immer noch besser ist als die CDU zu wählen.

P.S. Ach überhaupt diese Montessori-Eltern! Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich war selber auf einer Montessori-Schule und ich wäre auch bei den Montessori-Eltern dabei, hätte ich Kinder. Jeder einzelne ist sicher auch nett, aber gehäuft auftretend sind sie nicht zu ertragen. Hier rudelweise im Hüftgold oder im Oma Erika hocken und sich so geil finden mag ich einfach nicht. Die schlimme Wahrheit ist aber: Ich wäre genau so.


Wut über Hausdurchsuchungen aus fragwürdigem Grund

14 08 2009

Hausdurchsuchungen aus fragwürdigem Grund sind ja eh eine latente Angst von mir, aber auffällig hoher Stromverbrauch als Grund geht echt zu weit. Im DHV Newsletter lese ich gerade von einem Fall in Duisburg, wo die Stadtwerke die Polizei benachrichtigt haben, weil jemand einen auffällig angestiegenen Stromverbrauch hatte. Das reicht schon als Grund für eine Hausdurchsuchung. Dabei ist es völlig egal, dass tatsächlich ein paar Hanfpflanzen gefunden wurden. Hausdurchsuchungen aus solchen Gründen gehen einfach zu weit. Der Typ hätte sich auch einen neuen Gaming-Rechner gekauft haben können, die nuckeln ja mit Bildschirm und allem auch an die 400W, die so eine Lampe zur Hanfzucht zieht. Oder völlig überdimensioniertes Flurlicht, wie wir damals in der WG: Da hatten Flur, Küche und Bad insgesamt 17 35W Halogenlampen, was zusammen mit Trafoverlusten bequem 700W aus dem Netz zog. Oder man legt sich eine Freundin zu, die beim regelmäßigen Duschen mit dem 20kW Durchlauferhitzer ordentlich zusätzlichen Strom verbraucht. Oder ein großes Aquarium, wie mein ehemaliger Mitbewohner. Es gibt einfach tausend Gründe für auffällig ansteigenden Stromverbrauch.

Ich weiß echt nicht, was ich tun würde, wenn bei mir die Polizei früh morgens klingeln würde, um mal so auf Verdacht zu gucken, ob ich Gras anbaue. Ein unfassbares Unding. Ich baue kein Gras an, also trifft das berühmte nichts zu befürchten auf mich zu. Aber allein, dass ich im Zweifel auf so einen derart losen Verdacht hin eine Hausdurchsuchung hinnehmen muss, kotzt mich so unfassbar an, das glaubt ihr gar nicht. Und man kann nicht mal im Nachhinein etwas dagegen tun. Selbst wenn sich so eine Hausdurchsuchung später als rechtswidrig herausstellt, passiert nichts weiter. Bin ich der einzige, den der um sich greifende viel zu leichtfertige Eingriff in die Unverletzlichkeit der Wohnung ängstigt?

Ich hätte glatt Lust, eine Growbox aufzustellen, damit sich so ein Besuch wenigstens lohnt. Natürlich ohne Pflanzen drin, dafür mit einer Webcam, um die enttäuschten Gesichter aufzunehmen. Hehe. Wenn man schon nichts gegen überflüssige Hausdurchsuchungen tun kann, kann man ja wenigstens etwas Spaß damit treiben. Später kann man dann auch wie die Typen vom CCC Sätze mit bei meiner letzten Hausdurchsuchung anfangen und kann auch noch eine lustige Story hinterher schieben.

P.S. Darf man eigentlich bei so einer Durchsuchung darauf bestehen, bei allen Handlungen der Beamten anwesend zu sein? Also dass die nicht ausschwärmen, sondern man denen auch alleine über die Schulter gucken kann? Wahrscheinlich ja, aber vor allem: Darf man die ganze Aktion zu Protokollzwecken auf Video aufnehmen? Darf man dann so ein Video mit ggf. geschwärzten Gesichtern der Beamten veröffentlichen? Ich muss echt den Vortrag von Udo Vetter noch mal angucken.

P.S.S. Was bei der ganzen Cannabis-Prohibition für eine Kohle verbrannt wird. Würde man den Cannabisanbau für den Eigenbedarf legalisieren (oder wenigstens mit der Verfolgung aufhören), könnte man die vielen freiwerdenden Kapazitäten entweder einsparen oder der Verfolgung richtiger Straftaten zuführen. Richtige Straftaten sind für mich Sachen, bei denen jemand irgendwie geschädigt wird, was beim Anbau von Cannabis ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Die Freiheit des einen findet bekanntlich da ihre Grenzen, wo sie die Freiheit eines anderen beeinträchtigt. Simpler Merksatz eigentlich…


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