Adblock Plus, die Whitelist und sich aufdrängende ethische Fragen
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 00:2018 12 2011
Der Firefox-Werbeblocker Adblock Plus hat neuerdings eine Whitelist, die bestimmte unaufdringliche
Werbung passieren lässt. Andere Werbeblocker tun es Adblock Plus bereits gleich. Das provoziert einigen Unmut in meiner Twitter-Timeline, viele Adblock Plus Nutzer fühlen sich betrogen und lamentieren herum. Es war sogar maßlos überzogen von Spyware die Rede. Dabei bewegen sie sich meine Auffassung nach ethisch gesehen auf ziemlich dünnem Eis.
Vor einer ganzen Weile habe ich schon mal etwas zum grundsätzlichen Problem mit Werbeblockern geschrieben: Werbeblocker sind kein guter Stil, aber nötig. Um mich nicht zu sehr zu wiederholen verweise ich vorab auf eine Lektüre dieses Artikels.
Nun aber erst mal zur Whitelist von Adblock Plus. Die funktioniert so, dass der Anbieter von Adblock Plus einen bestimmten und ziemlich strengen Kriterienkatalog für unaufdringliche Werbung definiert hat. Wenn sich Werbetreibende daran halten, können sie per Vertrag einen Platz auf der Whitelist bekommen, was dafür sorgt, dass ihre Werbung nicht mehr herausgefiltert wird. Diese Whitelist ist in der neuen Version standardmäßig aktiv, kann aber abgeschaltet werden. Das Ziel ist klar formuliert: Es soll attraktiv für Werbetreibende werden, ihre Werbung unaufdringlich zu gestalten. Der am weitaus häufigsten genannte Grund für die Verwendung von Werbeblockern ist ja gerade der Selbstschutz vor übergriffiger Werbung, so eine Whitelist ist also eine wirklich hervorragende Idee für einen Interessenausgleich zwischen seriösen werbefinanzierten Websites und von unseriös werbefinanzierten Websites genervten Usern.
Je länger ich darüber nachdenke, desto großartiger finde ich diesen Ansatz. Wie bereits im oben genannten Artikel gesagt, halte ich den Einsatz von Voll-Werbeblockern nur mit dem Argument des Selbstschutze vor übergriffiger Werbung für ethisch zu rechtfertigen. Wer nun die Whitelist ausschaltet, steht in meinen Augen aber ohne moralische Rechtfertigung da. Vielleicht ist das ja auch ein Grund für das Geschrei? Plötzlich muss man als moralisch sauber handelnder Mensch doch wieder die ein oder andere Werbung ertragen, wo man es sich doch hinter dem Pauschalargument der übergriffigen Werbung so gemütlich werbefrei eingerichtet hatte. Das ist eine infame Unterstellung, aber eine andere Erklärung habe ich nicht: Die Whitelist lässt sich problemlos abschalten und wenn sie nicht standardmäßig an wäre, wäre sie reichlich nutzlos, denn dann würde kaum jemand Notiz davon nehmen. Ich halte den faireren Deal für die sinnvollere Default-Einstellung.
Anders herum kommt durch so eine Whitelist-Lösung der Einsatz eines Werbeblockers plötzlich für Leute wie mich erstmals in Frage, die bisher aus Achtung vor den Lieferanten kostenloser Informationen darauf verzichtet hatten. Wenn nun noch mehr Leute als zuvor Werbeblocker (mit Whitelist) einsetzen, wird der Druck auf die Schalter aufdringlicher Werbungen umso größer, der gewünschte Effekt wächst also mit jedem Nutzer. Plötzlich tut man der Gemeinschaft sogar einen Dienst, wenn man einen Werbeblocker mit Whitelist einsetzt. Und nicht zuletzt nimmt man den schwarzen Schafen unter den Werbetreibenden ein Argument aus der Hand, mit dem sie einem bisher die Ohren vollgeheult haben. Wer jetzt noch heult, den kann man auf die Möglichkeit verweisen, seiner Werbung die Aufdringlichkeit zu nehmen und sich einen Platz auf den einschlägigen Whitelists zu sichern. Wer nervige Werbung schaltet, ist halt nicht in der Position, anderen ein schlechtes Gewissen einzureden.
Ernsthaft: Mit dem Adblock-Whitelist-Ansatz halten wir nicht weniger als den Schlüssel zum Frieden im Werbekonflikt im Internet in der Hand! Am Ende können alle zufrieden sein, weil das Web zu einem besseren Ort wird, je weniger überaufdringliche Werbung es gibt. Die Einschnitte auf Nutzerseite sind dabei deutlich kleiner als auf der anderen Seite, das ist schon für sich genommen ein Sieg.
Das einzige Geschmäckle ist, dass Werbetreibende zur Zeit mit jedem Werbeblocker-Betreiber Einzelverträge schließen muss und wahrscheinlich auch dafür bezahlen muss. Wir brauchen hier eine Non-Profit-Organisation, die solche Whitelists unabhängig und zentral pflegt und auch die Einhaltung der strengen Nicht-Nervigkeits-Kriterien überprüft.
P.S. Neulich hatte ich auf einer eigentlich seriösen Nachrichtenseite ein Layer-Ad, dessen Schließen-Knopf nicht funktioniert hat und der somit sehr zuverlässig den Konsum des eigentlichen Seiteninhalts verhindert hat. Wenn sowas öfter passiert, brauchen sich die Betreiber der Seite nicht wundern, wenn die Besucher ohne Werbeblocker ausbleiben und am Ende nur noch diese undankbaren Abschnorchel-Besucher mit Werbeblocker übrigbleiben.
Kategorien : Zeitgeist
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