Mal wieder: Wie sollte man mit den IE6-Nutzern umgehen?
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 17:4615 07 2009
So viel wurde schon zum IE6 geschrieben, so viel Hass wurde ausgeschüttet und so viele Erklärungsansätze für den noch immer beschämend hohen Marktanteil dieses Fossils wurden gebracht. Nun muss ich noch mal etwas dazu loswerden. Warum gerade jetzt? Zu einen habe ich zuletzt mehrere Tage unbezahlt mit IE6-Debugging verbracht, zum anderen hat YouTube angekündigt, den Support für den IE6 ab sofort auslaufen zu lassen. Das ist eine großartige Entscheidung, denn bisher hat sich kaum ein reichweitenstarkes Webangebot zu diesem Schritt durchringen können. Die Begründung halte ich für sehr stichhalting: YouTube sagt, dass sie der Support des IE6 glasklar messbar und nicht zu knapp Geld kostet und dass einige neue und praktische Funktionen mit vollem IE6-Support nicht machbar sind. Genau das ist der Punkt. Danke an Google für diesen mutigen Schritt. Denn nur durch Leidensdruck seiner Nutzer wird der IE6 aus den Statistiken verschwinden. Solange die Inhaltelieferanten die teilweise massiven Mehrausgaben bei der Entwicklung für den IE6 tätigen, wird sich an der Situation nichts ändern.
Ein viel gehörtes Argument ist ja, dass viele Nutzer an Firmen-PCs nur den Internet-Explorer 6 benutzen können/dürfen und so ja jetzt ausgeschlossen sind. Das stimmt. Na und? Eine reichweitenstarke Seite wie YouTube verliert dadurch vielleicht ein paar Prozent seiner Nutzer. Noch mal: Na und? YouTube ist wichtig genug, dass diese Leute im Zweifel schon einen Weg finden werden, sprich einen anderen Browser installieren. Oder sie lassen YouTube eben bleiben. Man darf nicht vergessen, dass da jemand mit einem Programm unterwegs ist, zu dessen Erscheinungszeitraum Videodienste wie YouTube noch unfassbare Zukunftsmusik waren. Woher kommt die Erwartungshaltung, dass das ohne Einschränkungen klappen muss? Ich denke, man muss sich einfach der Realität stellen. Es gibt genug Alternativen und keine davon kostet etwas.
Aber das CRM-System in unserer Firma (oder Intranet-Anwendung-XY) läuft nur mit dem Internet Explorer!
Auch das höre ich immer wieder und ich habe zwei Antworten darauf: Erstens würde ich mich fragen, ob meine Intranet-Anwendung eine gute Anwendung ist, wenn sie die vorletzte Version eines so wichtigen Programmes als Zugangsvoraussetzung hat, aber da rede ich Firmen ungerne rein. Zum anderen aber spricht meiner Meinung nach nichts gegen den Paralleleinsatz von IE6 als Zugangsprogramm fürs veraltete Intranet und einem modernen Browser für das Internet. Selbst wenn es unbedingt der Internet Explorer 8 sein muss, gibt es Mittel und Wege, parallel einen IE6 zu betreiben. Zu viel Administrationsaufwand? Nun, so ist die Welt. Man denke im Firmeneinsatz übrigens auch an die haarsträubenden Sicherheitslücken des IE6, die nicht mehr behoben werden.
Aber was ist mit der Barrierefreiheit? Nutzer auszuschließen widerspricht dem Barrierefreiheitsgedanken, klar. Aber ist das hier wirklich so? Dafür muss ich eine Analogie bemühen: Man stelle sich vor, es gäbe ein Gesetz, das die Beschaffenheit von Rollstuhlrampen regelt. Alle Hersteller von Rollstühlen halten sich an diese Vorhaben und fahren prima damit. Nur der klare Marktführer hat bei früheren Modellen einmal diese Regeln anders ausgelegt und die Räder als Vielecke statt als Kreise ausgelegt. Das ist anfangs vielleicht Stand der Technik gewesen, technisch sinnvoll war es aber nie. Auf standardkonformen Rollstuhlrampen ist die Fahrt für Nutzer solcher Rollstühle dadurch etwas unbequem, weswegen alle Gebäudebetreiber ihre Rollstuhlrampen bisher sehr teuer in mechanisch sehr aufwändigen und vor allem technisch unsinnigen Varianten gebaut haben. Für die Nutzer standardkonformer Rollstühle gäbe es längst Entwicklungen, die die Nutzung von Rollstuhlrampen wesentlich bequemer und einfacher gestalten würden, aber diese sind mit den Vieleckrädern nicht oder nicht sinnvoll in Einklang zu bringen. Der Marktführer würde daher schon lange ein kostenloses Austauschprogramm für seine alten Modelle anbieten. Macht es hier Sinn, von einer Barriere zu sprechen, wenn man bei neuen Gebäuden die sich bietenden Vorteile nutzt und die Nutzer der veralteten Rollstühle zwingen würde, das kostenlose Austauschprogramm des Herstellers zu benutzen? Ich habe da meine Schwierigkeiten mit. Es geht ja nicht darum, dass der alte Rollstuhl die Rampe gar nicht mehr benutzen kann, es würde für etwas holpriger werden.
So sehe ich das auch beim IE6: Wer der Meinung ist, mit einem Browser aus dem Jahr 2001 im Jahr 2009 alle Funktionen moderner Websites genießen zu können, leidet unter massivem Realitätsverlust. Eine Website sieht komisch aus? Nun gut, da könnte man denken, der Seitenbetreiber wäre ein Idiot. Wenn aber immer mehr Websites komisch und kaputt aussehen und mir einhellig sagen, dass sie meinen veralteten Browser nicht mehr unterstützen, kann ich die alle doof finden oder mich der Realität stellen und ein Update machen. Genau deswegen braucht es Seiten wie YouTube, die die Eier haben, dieses doof gefunden werden einstecken zu können und im Zweifel ein paar Nutzer zu verlieren.
Hier kommt wieder der Geldaspekt ins Spiel. Mal angenommen, die Implementierung einer modernen Funktion ist im IE6 nicht möglich. Dann wird YouTube durchrechnen, was für einen finanziellen Wert die neue Funktion hätte. Dann wird YouTube gegenrechnen, was der Ausfall von einer angenommenen Zahl an IE6-Nutzern, die nicht umsteigen, sondern YouTube den Rücken kehren, kosten würde. Dann wird YouTube einrechnen, wieviel es wert ist, wenn x Prozent der ehemaligen IE6-Nutzer auf den Google-Browser Chrome umsteigt. Dann wird YouTube einen großen Strich unter die Rechnung machen und den IE6-Support sofort einstellen. Die Dimension, dass auch andere Google-Dienste vom Tod des IE6 profitieren, habe ich hier noch gar nicht einbezogen. Eine ähnliche Rechnung tut sich auf, wenn man die Entwicklungskosten für IE6-Zurechtbiegen gegen den Imageverlust durch etwas komisch aussehende Websites gegenrechnet.
Bei einem eigenen Projekt würde ich keinesfalls Geld in die Kompatibilität mit dem IE6 stecken und auf tolle neue Funktionen für alle anderen verzichten. Wer das Geld weiterhin ausgeben möchte, kann das ja weiterhin tun.
P.S. Ich muss dazu sagen, dass ich bei meinem letzten Auftrag einen Pauschalpreis veranschlagt und dabei u.a. die für das IE6/IE7 Debugging nötige Zeit völlig falsch eingeschätzt habe. Insgesamt habe ich nun mehrere Tage komplett unbezahlt (das entspricht meinen Fixkosten für einen ganzen Monat) da rein stecken müssen, was mich ernsthaft ärgert. Merke: Keine Pauschalpreise für so einen Mist und wenn doch, dann nicht so knapp kalkuliert.
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