Mein HD-Dilemma

27 06 2011

Ich habe einen großen Full-HD-Fernseher – der ein nach wie vor unfassbares Schnäppchen bei einer Pro-Markt-Eröffnung war – und einen HTPC mit Windows 7. Wer so ein Setup hat, möchte seine Inhalte auch in HD genießen. Da das gestrige Fußballspiel das erste mal seit Monaten war, dass ich den Fernseher als Fernseher benutzt habe, kommen bei mir 99,5% aller Inhalte aus dem angeschlossenen PC oder der Wii. Dass YouTube in HD trotz und dank 1&1/Telekom-VDSL weitgehend unbrauchbar ist, ist schon mal ein Rückschlag. Das echte Dilemma entsteht aber bei kommerziellen Inhalten wie Filmen und vor allem Serien. Ich habe kein Problem damit, einen angemessenen Preis für solche Inhalte zu bezahlen, genau genommen möchte ich sogar gerne dafür bezahlen. Allein: Es geht nicht. Dass US-Inhalte erst verspätet nach Deutschland kommen ist ein Killerargument, darauf möchte ich aber jetzt gar nicht hinaus.

Ich habe ein ganz anderes Problem: Ich kaufe Serienstaffeln und Filme, selbst wenn sie in preislich akzeptablen Bereichen angeboten werden, nicht mehr, wenn es sich nur um DVDs handelt, denn ich will ja HD haben, wenn ich schon Geld ausgebe. Leider bedeutet HD auch Blu-Ray und Blu-Ray bedeutet für mich: Kaufe und installiere eine unglaublich teure und unglaublich nervige, mit Eigenwerbung überflutete Scheißsoftware, weil deine zurückhaltende Open-Source-Playersoftware kein Blu-Ray abspielen darf(!). Solange dieser Zustand anhält, werde ich eher kein Blu-Ray Laufwerk kaufen und folglich auch keine Blu-Ray-Inhalte. Ein extra Gerät ist auch nicht so recht nach meinem Geschmack.

Nun, wenn weder DVD (gibt besseres) noch Blu-Ray (kann und will ich nicht abspielen) in Frage kommen, bleibt nur noch der digitale Vertrieb. Hulu? Netflix? Gibts in Europa alles nicht. Im iTunes Store kann man die ein oder andere Serie kaufen, aber Apple kommt mir nicht ins Haus und bei unserem Serienkonsum ist das auch nicht realistisch bezahlbar. Und sonst? Hier und da gibt es eine Online-Videothek, die teurer als die Videothek nebenan ist und gleichzeitig nur eine praktisch unbrauchbare Teilmenge der im Umlauf befindlichen Inhalte im Sortiment hat. Nenene, so stelle ich mir das nicht vor, wenn ich schon Geld für Inhalte her gebe, die üblicherweise irgendwann im Free-TV ausgestrahlt werden. Digitaler Vertrieb fällt also auch weitgehend aus, von rühmlichen Ausnahmen wie South Park mal abgesehen.

Es gäbe da eine Lösung, nur hat die einen klitzekleinen Haken: Sie ist nicht legal. Bei Sharehostern wie Rapidshare, netload.in und Konsorten (wechselt gelegentlich) bekommt man für unter 10€ im Monat und etwas Recherchearbeit so ziemlich alle Serien und viele Filme, die das Herz begehrt. In HD und ohne Zwangswerbung/GVU-Warnungen vor dem Film und mit vollen 50MBit/s, die der VDSL-Anschluss so hergibt. So sieht die Realität aus und genau daran muss sich ein legales Angebot messen und an sonst nichts. Alternativ kann man auch ein Blu-Ray Laufwerk kaufen, sich die Inhalte halblegal rippen uns dann in befreiter Form im Player der Wahl ansehen und auf dem NAS lagern. Aber das wäre wirklich wirklich wirklich bescheuert, bei aller Liebe zum Bezahlen von Medieninhalten. 79€ für AnyDVD lösen das Problem zwar technisch und sorgen für einen schmerzfreien Wokflow, legal ist das aber immer noch nicht, dafür immerhin ethisch vertretbar.

Aber ich will nicht nur meckern, was hätte ich also gerne?

  • Für absolut maximal 20€, lieber für 10€ im Monat hätte ich gerne eine Flatrate für Serien, Dokus und vielleicht auch Filme.
  • Ich muss die nicht alle besitzen, ein zuverlässiges Streaming in HD (720p ohne Bildstörungen, Hänger und Ruckler) würde mir schon reichen. DRM ist hier zur Durchsetzung des Geschäftsmodells wohl ein notwendiges Übel, steht aber technisch einer möglichst breiten Nutzerbasis entgegen. Windows-PC und Mac sollten aber mindestens unterstützt werden.
  • Alternativ möchte ich die Inhalte für einen geringen Aufpreis auch ohne irgendwelche Abspielverhinderungs-Fesseln ganz erwerben und lokal archivieren können.
  • Die Auswahl muss(!) weitgehend komplett sein. Ich möchte alles, was ich bei Amazon auf DVD/Blu-Ray erwerben kann, auch dort finden. Wenn einzelne Vertriebe ausnahmsweise nicht an der Flatrate teilnehmen wollen, dann sollten deren Inhalte wenigstens einzeln erwerbbar sein oder zumindest als letzte Fallback-Lösung mit einem Link auf einen Shop für die Bestellung einer physischen DVD/Blu-Ray versehen werden. Dem Nutzer eine Recherche in verschiedenen Shops zuzumuten ist nicht drin. Ham wer nich weil Vertrieb nicht will, gibts aber hier und hier als DVD und Blu-Ray ist eine okaye Ansage, ebenfalls Komische Rechtesituation, darf die öffentlich-rechtliche Anstalt trotz DVD-Veröffentlichung nur in ihrer eigenen Mediathek zeigen [LINK]. Die Zeit von exklusiven Inhalten ist aber eigentlich sowieso vorbei.
  • Wenn eine neue Serienfolge in den USA im Fernsehen gelaufen ist, muss sie spätestens eine Woche später, besser sofort oder gar (ggf. gegen Aufpreis) vorab auch in Deutschland abrufbar sein. Wer es synchronisiert haben will, muss natürlich trotzdem noch warten, sollte dann aber auch beide Sprachen bekommen. Gleiches gilt für Filme und DVD-Veröffentlichung. Wenn Sender am System nicht teilnehmen wollen, müssen die Inhalte aber spätestens zur Veröffentlichung der DVD verfügbar sein.

Das ist alles so nicht durchsetzbar, aber mir als Konsumenten ist die komplizierte Rechtslage wirklich schlicht und einfach vollkommen egal. Ich will meine Inhalte haben und ich möchte dafür bezahlen. Wenn es kein attraktives Angebot gibt, dann streiche ich zuallererst die Legalität, wenn es nur daran scheitert. Und ernsthaft schlechtes Gewissen gibt es diesbezüglich erst, wenn ich dabei ein ernsthaftes Angebot links liegen lassen muss. Ein kleiner Blick auf die Musikindustrie zeigt das ganz gut: Ich sauge erst mal unverbindlich bzw. höre bei YouTube und wenn es mir dann gefällt, kaufe ich die MP3s; wenn nicht, wird das Gesaugte wieder gelöscht. Hilfsweise kaufe ich Serienstaffeln auf DVD oder Blu-Ray und stelle sie mir zur Gewissensberuhigung unausgepackt in den Schrank. Reichlich absurd, aber pragmatisch.

Insgesamt: Offenbar ist das alles mein Problem, ein Hardware-Blu-Ray-Player für 70€ würde ohne Generve Blu-Rays abspielen, alle wären glücklich. Allein: Ein extra Gerät nur weil die Contentmafia doof ist? Nö. Die Auswahl an HD-Inhalten ist zudem erschreckend gering, zumindest in Deutschland. Einige Serien, die ich bereits in HD gesehen habe, bekommt man hier nur auf DVD. Ein qualitativer Rückschritt plus nicht zu knapp Geld hergeben allein um der Legalität willen? Irgendwie auch nicht so recht. Und wir wollen nicht vergessen, dass fast alle Serien im Free-TV laufen und zum Hohn die DVDs erst lange nach Ausstrahlung der aktuellen Folgen erscheinen. Eher was für Lieblingsserien wie Big Bang Theory oder Coupling oder Friends oder was auch immer man so fantastisch findet, dass man es mehrmals sehen möchte. Reality Check: Man muss schon wirklich ein Liebhaber sein, wenn man sich eine Serie aktuell in HD aus den USA mangels legaler Alternative "beschafft" hat, um dann später irgendwann noch mal reichlich Geld für eine ggf. schlechtere Qualität hinterher zu werfen, weil man das dann doch irgendwie legalisieren möchte. Das wird kein Massengeschäft, postuliere ich mal.

P.S. Ach ja, ein effektives Austrocknen der illegalen Quellen würde bei mir dafür sorgen, dass ich mein Geld und meine Freizeit anderswo investiere. So lebenswichtig ist mir das alles nicht, dass ich dafür teils absurde Umwege in Kauf nehmen würde. Und zurück zu DVDs will ich auch nicht, seit ich am HD-Apfel genascht habe. Zu DVD-Zeiten war ja irgendwie noch alles in Ordnung. Zumindest eine Zwischenlösung wäre ja, dass ich Blu-Rays legal und ohne Gefrickel mit dem Player meiner Wahl (VLC, Media Player Classic, Windows Media Player) abspielen kann.


StreetView aufgearbeitet: Entspannt Euch mal, ihr Spießer

23 10 2010

Wir haben es Herrn Sarrazins aufwühlenden Thesen zu verdanken, dass die leidige und von haarsträubender Ignoranz geprägte StreetView-Debatte im Medien-Sommerloch abgelöst wurde. Nun mal ein paar abschließende Worte dazu.

StreetView und die Einbrecher

Dieses Scheinargument hat die ganze Debatte dominiert und wird weiterhin, selbst von webaffinen und gebildeten Menschen ins Feld geführt. Ich möchte das inhaltlich gar nicht all zu tief angreifen, das hat Thomas Knüwer bereits ausführlich getan. Mal im Ernst: Wer so tut, als gäbe es mit StreetView auch nur einen Einbruch mehr, der argumentiert fern der Realität. Also Gegenfrage: Inwiefern macht es StreetView Einbrechern denn leichter, ihrem Treiben nachzugehen? Meint irgendwer allen Ernstes, ohne StreetView-Unterstützung mangele es Einbrechern an lohnenden Zielen? Oder es würden neue Einbrecher angezogen, weil man jetzt nicht mehr mühevoll selbst durch die Straßen fahren oder soziodemographische Statistiken von Wohngegenden wälzen muss? Ganz davon abgesehen übrigens, dass schon Ende der 90er Jahre großflächig ganze Straßenzüge fotografiert und auf CD-ROM veröffentlicht wurden.

Wir brauchen aber gar nicht auf die inhaltliche Ebene des Arguments vorzustoßen, denn selbst wenn Google StreetView von Einbrechern zur Unterstützung der Planung von Einbrüchen genutzt würde, wäre das lediglich eine marginale Technikfolge. StreetView bildet nicht mehr ab, als das ohnehin öffentlich sichtbare; zudem an einem Stichtag, der bei Veröffentlichung mindestens ein Jahr her ist. StreetView bietet tolle Möglichkeiten, man muss sich damit einfach mal durch fremde Städte bewegen, um das Potenzial zu erkennen. Dass dieses Potenzial vielleicht auch für finstere Machenschaften genutzt werden kann, kann genau so wenig Argument gegen StreetView sein, wie gegen das Telefon (kann Einbrechern helfen, sich abzusprechen), Veröffentlichung von geographisch gegliederten Statistiken (kann Einbrechern helfen, lohnende Gegenden zu identifizieren) oder die freie Nutzung öffentlicher Straßen durch jedermann (auf öffentlichen Straßen fahren Tag und Nacht finstere Einbrecher herum und spionieren geeignete Ziele aus). Wer dieses Argument nutzt, hat offensichtlich nichts besseres parat, um seine diffusen irrationalen Ängste zu verargumentieren. Oder aber er plappert andere Argumente einfach nach, ohne mal kritisch darüber nachgedacht zu haben. So oder so, wer mit diesem Scheinargument kommt, braucht an der Diskussion nicht teilnehmen. Stattdessen kann er einfach nach Hause gehen, sein Haus verpixeln lassen und sich dann wieder schön sicher fühlen.

StreetView und die Panoramafreiheit

Viel wurde über die Panoramafreiheit geredet. Kurz gesagt sichert die Panoramafreiheit jedermann das Recht zu, Lichtbilder von der Öffentlichkeit anzufertigen und zu veröffentlichen. Öffentlichkeit ist da, wo die Privatheit des Einzelnen endet, ganz explizit auf offener Straße. In die Panoramafreiheit integral einbezogen sind also Hausfassaden, Hecken, Vorgärten und Fahrzeuge auf der Straße. StreetView ist also im Grunde ein Musterbeispiel für die Panoramafreiheit. Dass die Kameras auf der Höhe eines ausgestreckten Arms fotografieren, ändert daran grundlegend nichts. Neu ist nur die Vollständigkeit der Erfassung und Veröffentlichung, darüber kann man tatsächlich diskutieren. Ich sehe allerdings keinerlei Anlass dazu: Die Abbildungen bilden weiterhin nur das öffentlich Zugängliche an einem Stichtag in der nicht allzu nahen Vergangenheit ab. In eine sehr spannende Richtung geht übrigens der Vortrag/Text Das radikale Recht des Anderen von mspro, der auch außerhalb des StreetView-Kontextes wirklich ausgesprochen lesenswert ist. Kurz gefasst geht es darum, ob sein Haus verpixeln zu lassen nicht in erster Linie eine Einschränkung der Anderen in ihrem Recht auf Nutzung des öffentlichen Raumes ist, gerade auch in Bezug auf die Zukunft.

StreetView und die Live-Bilder

Irgendwie scheint sich bei vielen Leuten der Gedanke verfestigt zu haben, dass StreetView nicht etwa Bilder von vor mindestens einem Jahr (als das StreetView Auto da war) zeigt, sondern Live-Bilder oder zumindest ständig aktualisierte Bilder aus jüngster Vergangenheit. Wenn Polizeiobere sich in Zeitungen mit der Idee zitieren lassen, StreetView als virtuelle Streifenfahrt nutzen zu können, sind Hopfen und Malz verloren. Man kann nur hoffen, dass der Mann einen schrägen Humor hat und das nicht ernst gemeint hat.

Aber was wäre denn, wenn StreetView Fahrzeuge ständig durch die Straßen führen und Live-Bilder ins Netz streamen würden? In erster Linie wäre das hoch spannend für die Zuschauer des Nachtprogramms. Die Frage ist aber, wo ist die Grenze des Erträglichen? Unter der Annahme, dass auch im Live-Betrieb Gesichter, Nummernschilder und Häuser auf der Blacklist herausgepixelt werden, könnte man durchaus darüber reden. Dann allerdings würden viele der heute unsinnigen Argumente wieder ins Spiel kommen und das Ergebnis sähe anders aus. Gut, dass wir uns darüber zur Zeit keine Gedanken machen müssen.

StreetView und Persönlichkeitsrechte

Ein putziges Argument gegen StreetView ist der ertappte Fremdgeher: Ein auffälliges Auto vor dem Haus der falschen Frau geparkt, könnte Fremdgeher auffliegen lassen. Das Argument ist deswegen so putzig, weil es so eine seltene Randerscheinung bleiben dürfte, dass es schlicht irrelevant ist. Wer mit auffälligem Auto vor dem Haus der falschen Frau parkt, parkt mit einem auffälligen Auto vor dem Haus der falschen Frau. Ob er dabei von geschwätzigen Nachbarn, Bekannten, Verwandten, Sonstwem, der eigenen Frau oder dem Google-StreetView-Auto beobachtet wird, macht einfach keinen Unterschied; wobei das StreetView-Auto nun wirklich die seltenste Begegnung davon sein dürfte. Dass das StreetView-Auto das dann für die nächsten Jahre öffentlich dokumentiert, ist Künstlerpech.

Hier lauert aber schon das nächste Missverständnis: Wer zufällig vom StreetView-Auto erfasst wurde, ist normalerweise nicht erkennbar. Gesichter und Nummernschilder werden sehr zuverlässig weggepixelt. Wer dennoch an irgendwelchen Merkmalen erkennbar ist und das nicht möchte, hat einfach mal Pech gehabt. Man muss sich wieder mal vor Augen führen, dass man sich da in der Öffentlichkeit bewegt hat und eine der zentralen Eigenschaften der Öffentlichkeit ist ja gerade, dass man möglicherweise erkannt wird. Und wieder einmal reden wir nicht von Live-Bildern, sondern von Lichtbildnissen an einem (inzwischen sogar vorab bekanntgegebenen) Zeitpunkt.

Google und das WLAN

Google hatte massiven Ärger wegen der Erfassung von WLAN-Netzen bekommen. Stein des Anstoßes war nicht etwa, dass Google eine Karte aller WLANs zu einem Stichtag erzeugt, anhand derer mobile Endgeräte überraschend präzise ihren Ort bestimmen können. Das machen auch andere Unternehmen schon länger und der Nutzen liegt auf der Hand. Als Skandal aufgebauscht wurde die Tatsache, dass Google dabei auch den Inhalt einiger Netzwerkpakete eben dieser WLANs aufgezeichnet und gespeichert hatte. Nun wurde bekannt, dass darunter auch ganze E-Mails, URLs und Passwörter waren. Schlimm schlimm, Google zeichnet die Passwörter von unbescholtenen auf, ein Skandal!

Übersehen wird dabei ganz offensichtlich ein klitzekleines Detail: Wer sein WLAN nicht verschlüsselt und darüber (nicht anderweitig verschlüsselte) Nutzdaten überträgt, hat ganz andere Probleme als die paar Pakete, die das StreetView-Auto zufällig aufgeschnappt hat. Vielmehr kann in dem Fall jeder in Reichweite des WLANs ständig alle darüber übertragenen Daten mitlesen. Dass Google davon einen mikroskopisch kleinen Fetzen gespeichert hat, ist angesichts dieses eklatanten Sicherheitsproblems nun wirklich mehr als nur ein bisschen irrelevant. Das ist in etwa so, als würde man mit einem Beamer seinen Bildschirminhalt an die Hauswand werfen und sich dann beschweren, dass ein zufällig vorbeikommender Passant da vielleicht etwas von gesehen haben könnte. Leute, verschlüsselt Eure WLANs oder übertragt wenigstens nur anderweitig verschlüsselte Daten über offene WLANs. Wer das nicht tut, öffnet Missbrauch Tür und Tor.

StreetView und die Verdrängung echter Verletzung von Persönlichkeitsrechten

Was mich an der StreetView-Debatte über die vielen krassen Missverständnisse hinaus aber am meisten frustriert hat, ist die Irrelevanz angesichts der realen Probleme im Bereich Persönlichkeitsrechte: SWIFT-Abkommen, ELENA, Vorratsdatenspeicherung, um nur die krassesten zu nennen. Da brennt gerade die Hütte und die Leute regen sich über StreetView auf, als würde das Abendland deswegen untergehen. Von StreetView hat wenigstens jeder unmittelbar etwas und was die Verletzung der Persönlichkeitsrechte angeht, ist StreetView ein Fliegenschiss gegen die oben genannten staatlichen Eingriffe. Und jetzt kommt mir nicht mit dem Argument, die Sachen wären viel zu komplex für die Leute, um sich darüber aufzuregen. StreetView ist gemessen an den eklatanten Missverständnissen ebenfalls komplex und wird von den Medien völlig unzulässig vereinfacht, um Stimmung zu machen. Davon abgesehen ist etwa SWIFT alles andere als komplex: Es wird den USA Zugriff auf Finanztrafsferdaten europäischer Bankkunden gewährt. Das bedeutet vielerlei, vor allem aber bedeutet es ganz offensichtlich, dass man spätestens jetzt keinen Cent mehr auf das Bankgeheimnis wetten kann. Regt sich darüber jemand auf? Nein! Stattdessen werden irgendwelche diffusen Zusammenhänge zwischen der Veröffentlichung von Bildern von Hausfassaden und einer dadurch signifikanten Vereinfachung des Einbrecher-Handwerks zusammenfantasiert und auf Titelseiten großer Zeitungen abgedruckt. Da lässt sich in der Rheinischen Post ein Haufen Rentner gut erkennbar und unter voller Namensnennung vor ihrer Hausfassade ablichten und mit einem Artikel verewigen, in dem sie ganz stolz erzählen, dass sie ihr Haus bei StreetView haben verpixeln lassen. Auf ungefähr diesem Absurditätsniveau bewegte sich fast die gesamte Debatte ein halbes Sommerloch lang.

Über 240.000 Anträge auf Verpixelung von Häusern sind nun bei Google aufgelaufen. Fast eine viertel Million Bürger hat sich die Mühe gemacht, das gar nicht so triviale Verfahren zur Verpixelung des eigenen Hauses zu durchlaufen. Zum Vergleich: An der großen Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung haben sich etwa 30.000 Bürger beteiligt und das war deutlich weniger Aufwand. OK, das sind zwei paar Schuhe, schwer zu vergleichen. Aber die Größenordnung ist interessant.

Um das klar zu stellen: Ich möchte den Leuten nicht ihr Recht absprechen, ihr Haus verpixeln zu lassen, das hat Sascha Lobo kurzweilig aufgearbeitet. Jeder kann von mir aus so viel Haus verpixeln lassen, wie es ihm lieb ist und wie er es ertragen kann, bei StreetView als Spießer dazustehen. Aber eben bitte nicht unter Vorschützung dämlicher, uninformierter oder fadenscheiniger Argumente. Ein einfaches Ich nutze die Möglichkeit zum OptOut, weil mir bei der Sache einfach nicht recht wohl ist ist doch völlig ausreichend. Hört endlich mal auf, diffuse Ängste mit Scheinargumenten untermauern zu wollen. Und überhaupt, hört vor allem endlich mal auf, Euch von Spiegel, BILD und Co. ständig irgendwelche diffusen Ängste einflüstern zu lassen.

Seid aber vor allem froh, dass Google Euch die Möglichkeit zum OptOut überhaupt gibt; bei der wirklich massiven Verletzung der Persönlichkeitsrechte durch den Staat und viele Unternehmen ist ein OptOut üblicherweise gar nicht erst vorgesehen. Ihr wollt weder ELENA, noch SWIFT, noch Vorratsdatenspeicherung (die leicht modifiziert wiederkommen wird)? Viel Spaß als Selbstständige auf Bargeldbasis ohne Festnetz, Handy und Internet. Denn so sieht der OptOut in dem Bereich aus. Komisch eigentlich, dass die Lockerung oder Streichung des Brief- und Postgeheimnisses oder die Einschränkung des Bargeldverkehrs noch nicht gefordert wurde.

Nachtrag 18.11.2010: StreetView ist jetzt online und das ganze Ausmaß der Verpixelung wird sichtbar. Heilige Scheiße, das entstellt ja ganze Straßenzüge. Bisher habe ich die paar Spießer belächelt, aber angesichts der Auswirkungen muss ich mich in die Riege derer einreihen, die das als Vandalismus im digital-öffentlichen Raum ansehen. Am schönsten getroffen hat das Anatol Stefanovic:

Wer seine Wohnung (und damit dann das gesamte Mietshaus) verpixeln lässt, ist und bleibt für mich ein digitaler Bilderstürmer, der seine Phantastereien über die Reichweite der eigenen Privatsphäre über das Recht der Allgemeinheit auf Teilhabe am gemeinsamen kulturellen Erbe stellt.

Aber die Hauptverantwortung für diese ikonoklastische Katastrophe liegt bei Google selbst. Denn Google wäre nicht gezwungen gewesen, auf die Forderungen nach einem Widerspruchsrecht einzugehen, mit denen Politiker mit einem ernsthaft gestörten Rechtsverständnis von ihrer eigenen Missachtung bürgerlicher Freiheiten ablenken wollten.


Irgendwas mit Filmindustrie und Dummheiten

30 07 2010

Ich muss leider etwas ausholen, sorry. Gelegentlich gehe ich ins Kino, vor zehn bis fünfzehn Jahren teilweise mehrmals wöchentlich, heute etwa einmal im Jahr. Immer wieder waren da Filme bei, die mich begeistern konnten. Als ein Kinobesuch noch ein paar Mark kostete – konkrete Erinnerungen habe ich an 2,99 Mark im Europa kurz vor dessen Schließung – habe ich solche guten und beeindruckenden Filme mitunter mehrmals besucht. Dazu muss man sagen, dass ich minderjährig war und deswegen keinen Zutritt zur örtlichen Videothek hatte. Ich hatte also die Alternativen weiterer Kinobesuche (seinerzeit preislich machbar), dem Warten auf die Ausstrahlung im Fernsehen (irgendwann in zwei Jahren bis praktisch nie) und dem Warten auf eine Veröffentlichung auf VHS (zum Preis von seinerzeit 3-10 Kinobesuchen). Eine dauerhaft unbefriedigende Situation, die sich in zweierlei Richtungen auflöste: Volljährigkeit und Internet.

Denn irgendwann wurde man volljährig und konnte endlich den begehrten Mitgliedsausweis aller Videotheken der Umgebung bekommen. Wenn man den Film bzw. die Filme am selben Abend noch zurück brachte, war das ein wirklich günstiger Spaß, zumal man den Preis bequem durch die Anwesenden teilen, auf dem Weg noch bei bei MCs, Hallo Pizza oder sonstigen Fressbuden vorbei und wunderschön im begrenzten Angebot stöbern konnte. Das war alles ein ganz brauchbarer Zustand, aber zwei Probleme blieben: Wenn man einen bestimmten Film sehen wollte, fuhr man von Videothek zu Videothek und ging doch gelegentlich leer aus, vor allem, wenn es um Streifen abseits des Mainstreams ging. Das zweite Problem hat wiederum mit den Kinos zu tun: Immer, wenn man heiß auf einen Film war, konnte man ihn nur im Kino sehen. Wie oft kam ich aus dem Kino und hätte direkt eine menge Kohle gegeben, um den Film direkt auf DVD mitzunehmen. Gute Filme will ich besitzen, ich will sie immer wieder sehen, wenn ich möchte. Aber das geht nicht, weil die Veröffentlichung der DVD einige Monate verzögert wird.

Diese Verzögerung ist das dümmste, was die Filmindustrie tun kann. Die Bereitschaft, eine Ware zu kaufen ist bekanntlich in der Buzz-Zeit am höchsten, deswegen macht man ja PR ohne Ende, pusht das Interesse, wo es nur geht. Und dann? Läuft der Film im Kino und spielt den ein oder anderen Euro ein. Wenn die DVD herauskommt, ist der Buzz fast immer bereits abgeklungen und der Effekt verpufft weitgehend. Warum? Um die Kinos zu schützen? Ich würde das anders herum sehen: Die Kinos werden künstlich am Leben gehalten, auf hohe Kosten von geringeren DVD-Verkäufen. Würde tatsächlich niemand mehr ins Kino gehen, wenn die DVDs gleichzeitig herauskämen? Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber ausprobieren könnte man es ja mal. Wie die Merchandising-Stände auf Konzerten, die angeblich horrende Umsätze machen, könnte man auch nach dem Film im Kino direkt die DVD anbieten. Ich würde zuschlagen (wenn der Preis nicht völlig irre ist). Aber ich gehe sowieso kaum noch ins Kino. Zu viel Aufwand und vor allem viel viel zu teuer. Für das Geld eines Kinobesuchs zu zweit kann ich die DVD des Films ein- bis zweimal erwerben oder fünf- bis zehn mal ausleihen. Oder mehr als drei Monate Rapidshare-Premium oder Firstload oder was auch immer gerade angesagt ist bezahlen. Denn so siehts aus, Augen auf!

Schlimmer noch: Bevor ich moviepilot.de kannte, habe ich sogar regelmäßig vergessen, welche Filme ich vor drei bis neun Monaten gerne gesehen hätte, als mir ein Kinobesuch zu aufwändig und teuer war. Die Filmindustrie hat mir mit ihrem dämlichen Kinoschutz schon so viel Geld gespart, eigentlich müsste ich dankbar sein.

Und dann gibt (oder gab?) es da noch die im Kino abgefilmten und illegal bereitgestellten Filmdownloads: Schmuddelig in der Bild- und Tonqualität, bei weitem nicht von jedem Film zu haben, aber immerhin zu dem Zeitpunkt verfügbar, wenn man den Film gerade sehen wollte. Von diesem Angebot habe ich seltenst Gebrauch gemacht, da war mir ein Kinobesuch oder unbestimmt langes Warten doch lieber. Aber es führt einem vor Augen, was man eigentlich vorenthalten bekommt. Um die Kinos zu schützen. Ich bin froh und dankbar, dass das Internet hier für einen gewissen Interessenausgleich sorgt: Plötzlich ist der Paradiesapfel da: Billiger bis kostenloser, vor allem aber wahlfreier Zugriff auf fast alle existierenden Filme, jederzeit, bequem und sofort. Das ist es doch, was man als Konsument haben will. Die Filmindustrie konnte lange Genug die Marktbedingungen diktieren, jetzt sind die Konsumenten am Drücker und können Forderungen stellen. Etwa nach angemessenen Preisen für DVDs oder rascher Veröffentlichung. Man tut als Anbieter gut daran, seine Filme schnellstmöglich in legaler Form auf den Markt zu bringen und die künstliche Verzögerung kurz zu halten, wenn in den Tauschbörsen qualitativ hochwertige Kopien bereitstehen. Letztlich profitiert davon auch der Anbieter, wenn die DVD-Veröffentlichung noch am PR-Buzz partizipieren kann. Gut: Der durchschnittliche Abstand zwischen Kinostart und DVD-Veröffentlichung ist in den letzten Jahren schon deutlich gesunken.

Für die Kinos eröffnet sich aus einer gleichzeitigen Veröffentlichung auf DVD kein grundsätzlich neues Problemfeld, denn die Tauschbörsen veröffentlichen Filme schon jetzt gleichzeitig im Netz. Die Frage ist, wie viel größer das Problem wird, wenn die Filme auch in offiziellen Kanälen gleichzeitig erscheinen. Und daran schließt sich direkt die Frage an, ob Kinos nicht vielleicht einfach die Verlierer des Strukturwandels sind und Pech gehabt haben. Und das wiederum führt uns zu der Frage, ob Kinos zu Recht untergehen würden oder man traurig darum sein müsste. Für die Beantwortung der letzten Frage bietet sich die Lektüre der Preislisten für Eintritt und Verpflegung in den bombastischen Multiplex-Kinopalästen an.

Sei es drum, momentan habe ich das Konstrukt Kino für mich weitgehend abgehakt und konzentriere mich auf den Online-Bezug von Filmen. Doch da lauert der nächste Wahnsinn. 4 bis 5 Euro Leihgebühr für einen Film in Online-Videotheken ist ein schlechter Scherz. Gemessen an den Preisen in der Videothek um die Ecke ist das sogar eine Unverschämtheit sondergleichen. Videotheken bezahlen Ladenmiete, Mitarbeiter und vor allem Anschaffung, Schwund und Verschleiß der auszuleihenden Medien. Eine Online-Videothek bezahlt Lizenzgebühren und etwas Traffic (der, wie Rapidshare und Konsorten zeigen, eher im zu vernachlässigenden Kostenbereich liegt). Dazu müssen ein paar Redakteure ein paar Handgriffe tätigen und die Website will natürlich auch betrieben werden. Ohne die Kostenstrukturen zu kennen, wäre ich dennoch bass erstaunt, wenn die Grenzkosten für die Online-Leihe tatsächlich auch nur in der Nähe derer von herkömmlichen Videotheken kämen. Warum also muss man hier das Doppelte bezahlen? Ich jedenfalls bin dazu nicht bereit, um den BWler auf meiner Schulter zu beruhigen, der einwendet, dass sich der Preis nach der Zahlungsbereitschaft und der Nachfrage richtet und nicht nach den Kosten. Zudem ist die Auswahl nicht mal größer. Im Gegenteil: Etwa die Hälfte der Filme, die ich bisher in Online-Videotheken gesucht habe, waren nicht zu bekommen. Eine wirklich beschämende Quote. Und wieder muss man mit der illegalen Konkurrenz vergleichen: Fast alle Filme, die ich in Online-Videotheken nicht finden konnte, ließen sich ohne große Mühe und binnen überschaubarer Zeit aus dem Netz besorgen. Nun ist das Angebot nicht legal, aber in Ermangelung (attraktiver) legaler Alternativen, hat man keine echte Wahl. Ach ja, hatte ich erwähnt, dass man in der einen Online-Videothek Filme von diesen, in der anderen Online-Videothek aber nur Filme von jenen Major-Labels bekommt? Aber alle werben mit toller Filmauswahl, was für eine Farce. Ernsthaft: Wollt Ihr, dass ich Filme gegen Geld ausleihe oder nicht?

Die Musikindustrie hat das Problemfeld übrigens inzwischen ganz gut im Griff, wie man hört. Vor allem seit auf DRM verzichtet wird, ist der Absatz von legalen MP3-Musikdownloads um Größenordnungen gestiegen. Die Leute wollen eben nicht alles für lau, sie wollen alles zu angemessenen Preisen und zu angemessenen Bedingungen. Sascha Lobo hat da einen feinen Text zu geschrieben, sehr lesenswert.

P.S. Eine Staffel einer Sitcom oder eine halbe Staffel einer längeren Serie kostet gerne mal 40€. Das ist mir persönlich eine Spur zu teuer, vor allem da die DVDs zumeist erst nach der Ausstrahlung im Free-TV erscheinen. Auch hier: Mehr Absatz und weniger Ausweichen auf Festplattenrecorder oder illegale Quellen würde man meiner Ansicht nach durch eine Halbierung der Preise erreichen. In das Modell der Preis-Absatz-Funktion sollte man alle relevanten Parameter einbeziehen. Aber rumheulen und darauf warten, dass das Internet verschwindet klingt auch recht erfolgversprechend.

Nachtrag 22.08.2010: Mir kam gerade ein interessanter Lösungsansatz für die ausfallenden Kinoumsätze bei gleichzeitiger DVD-Veröffentlichung: Wie wäre es, wenn die Kinos eine Weile Exklusivvertriebsrecht für die DVDs hätten? Man würde dann Filme immer erst mal nur im Kino kaufen können und erst später auch anderswo. Damit würden die Kinos ihre Verluste ausgleichen können und man könnte den Film trotzdem sofort bekommen. Die spannende Frage ist natürlich, mit welchen horrenden Aufpreisen die Kinos dieses Geschäft dann doch wieder vernichten würden? Aus Konsumentensicht wäre dann nicht wahnsinnig viel gewonnen, für die Kinos aber auch nicht wahnsinnig viel verloren. Auf einen Versuch könnte man es also durchaus mal ankommen lassen. Die einfachere Variante würde lauten, dass Kinos einfach auch DVDs verkaufen, aber das reicht denen wohl eher nicht als Ausgleich für ihre wegfallende Exklusivität.


Werbeblocker sind kein guter Stil, aber nötig

25 03 2010

Frank Patalong hat auf Spiegel Online eine Dsikussion über Werbeblocker losgetreten, die ich schon länger vermisse. Seine Behauptung lautet kurzgefasst: Die immer zahlreicher werdenden Leser mit Adblockern gefährden die Finanzierung des (Qualitäts-)Journalismus. Leser sind undankbar und wollen immer alles umsonst, aber keinesfalls Werbung sehen und sind schuld an allem Niedergang. Felix Schwenzel hat dazu eine gewohnt rotzige Replik mit dem schönen Titel qualitätsheulsusenismus an den Start gebracht und hängt sich (wie auch andere) an Patalongs herbeifantasiertem Deal zwischen Online-Nachrichtenseiten und Lesern bezüglich der Akzeptanz von Werbung für kostenlosen Zugang zu den Nachrichten auf. In der Tat zeugt dieses Verständnis von einem gewissen Realitätsverlust. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Redaktionelle Arbeit bei spiegel.de und Co. irgendwie bezahlt werden will und wenn der Zugang kostenlos ist, muss das Geld woanders herkommen. Auftritt Werbung.

Werbung finanziert Websites. Punkt. Wer Werbung grundsätzlich rausfiltert, torpediert den primären Finanzierungskanal, egal ob er das aus gutem Grund tut oder nicht. Jetzt kommt das Aber: Die Werbeindustrie ist selbst schuld an der Misere. Dass Werbung sich raumgreifend um die Seite legt ist noch erträglich, wenn aber Layer-Ads (die ein klares Zeichen für unseriöse Websites sind) und andere Werbeformen sich vor den eigentlichen Inhalt legen und diesen damit nicht nur optisch in den Hintergrund drängen, geht das zu weit. Wenn mehrere blinkende Flash-Banner jeden nicht gerade hochaktuellen Computer merklich ausbremsen, wenn gar ungefragt Geräusche erzeugt werden (besonders lustig im Zusammenhang mit Tabbed-Browsing) oder am Ende noch Schadcode und ungehemmt Schnüffelcookies auf dem Rechner landen, dann ist das weit oberhalb der Toleranzgrenze. Wer sich in diesem Lichte beschwert, dass Leute sich mit Adblockern wehren, ist ein Zyniker oder ein Ignorant. Der Werbeblogger hat das schön ausformuliert und stellt zudem auf weitere wichtige Aspekte ab.

Doch wie geht man mit der Situation um? Adblocker sind leider notwendig geworden, gerade für die Vielnutzer unter den Lesern, aber sie sind auch irgendwie nicht so recht fair. Ob man das einen Deal nennt oder nicht, man muss anerkennen, dass Werbung gegen Inhalte der bislang gültige und auch praktikabelste Modus ist, Inhalte kostenlos zugänglich zu machen. Von all den Kritikpunkten an Werbung gibt es drei ganz starke: Kaum noch benutzbare ältere Rechner, ungefragte Töne aus irgendwelchen nicht auffindbaren Quellen in irgendwelchen Tabs im Hintergrund und Werbung, die die Inhalte verdeckt (PopUps, Layer Ads, aufdringliche Tooltipps oder alles zusammen). Für die ersten beiden gibt es eine unfassbar geniale Abhilfe, die trennscharf nur die asoziale Scheiße rausfiltert, zudem ein Gewinn an Sicherheit ist und die Umwelt schont (der Stromverbrauch durch unnötige Flash-Blinkerei muss immens sein): Der Flashblocker. Flash-Inhalte werden einfach durch Platzhalter ersetzt und wenn man sie sehen möchte, klickt man sie an. Ganz einfach, großartig. Bleiben noch die Layer-Ads, die im Grunde nur derjenige zu sehen bekommt, der sich regelmäßig auf mäßig seriösen Seiten rumtreibt. Ich habe genau zwei Seiten in meinen Bookmarks, die mir damit auf die Eier gehen, bei beiden habe ich einfach JavaScript ausgeschaltet (was bei Opera sehr leicht geht).

Ich behaupte: Die meisten Leute haben kein grundsätzliches Problem mit Werbung, sondern setzen Adblocker aus ganz bestimmten, handfesten Gründen ein. Der oben erwähnte Artikel vom Werbeblogger zitiert einige klare Regeln, wie Werbung nicht sein soll. Sind die erfüllt, gibt es auch keinen echten Grund, einen Adblocker zu benutzen. Werbung ist nicht zwangsläufig störend und schlecht, aber wenn sie so ist, braucht man sich nicht wundern, dass die Leser da keine Lust drauf haben und wahlweise gar nicht mehr kommen oder die Werbung ausblenden. Fuck, schaut Euch Google mal an.

Die Argumentationskette Patalongs, dass die eigenen Werbeeinnahmen wegen der bösen Adblocker einbrechen und jetzt Google (der Universalfeind des Qualitätsjournalismus) die ganzen Gewinne mit seiner Werbung einfährt, halte ich für in sich abenteuerlich: Wir verdienen wegen der Werbeblocker kein Geld mehr mit Werbung, aber Google verdient sich gleichzeitig eine goldene Nase. Mit Werbung…
Aber warum verdient Google als einziger so unfassbar gut an Werbung, während andere Werbeeinnahmen einbrechen? Ich denke, die Antwort ist naheliegend: Weil Googles Werbung nicht nervt und es deswegen (über die Datenschutzproblematik hinaus) keinen Grund gibt, sie auszublenden. Ja, ganz verwegen: Googles Werbung neigt sogar dazu, einen Ansatz von Nützlichkeit vorweisen zu können. Man denke nur an die ortsbezogene Werbung in Maps. So liebe Leute, so verdient man mit Werbung im Netz. Die Verlage heulen rum, als gäbe es ein Gesetz, dass nur Google nicht nervende Werbung an die Nutzer bringen darf.

P.S. Ich selber benutze auf meinem sehr fixen Hauptrechner keinen Werbeblocker und auch keinen Flashblocker, lediglich bei zwei Seiten habe ich JavaScript abgeschaltet, um den Layer-Ads zu entgehen, die zudem inzwischen beim Klick auf den Schließen-Button noch ein PopUp öffnen. Unfassbar. Aber auf allen anderen Rechnern hier im Haushalt läuft ein Flashblocker. Das PIII-1GHz Notebook in der Küche ist schon kaum mehr bedienbar, wenn die Diashow bei last.fm läuft. Nachrichtenseiten ohne Flash-Blocker scrollen nur noch mit sekundenlangen Pausen pro Schritt. Hätte Opera einen brauchbaren Flashblocker, würde ich ihn auch auf meinem Hauptrechner benutzen, schon aus Gründen der Sicherheit.


Das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets

30 10 2009

Martin Weigert antwortet auf netzwertig.com auf die Frage, wie man das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets beschreiben kann mit der Feststellung, dass schon die Frage falsch gedacht ist:

WiWo-Chef Tichy liefert in seiner Frage den Denkfehler gleich mit, der die etablierten Parteien dazu bringt, eine wachsende Zahl von (Jung-)Wählern durch ihre Ansprache und ihr Parteiprogramm nicht mehr zu erreichen: Er sucht das Lebensgefühl des Piraten-Umfeldes jenseits vom Internet. Doch lässt sich hier tatsächlich noch zwischen Internet und der realen Welt unterscheiden? Ich behaupte, nein.

Ein wichtiger Teil des Lebensgefühls im Netz aktiver Bürger ist die nicht mehr vorhandene Unterscheidung zwischen offline und online. Das Internet ist nicht mehr eine Mediengattung unter vielen, sondern es ist DAS allgegenwärtige Medium, welches einen rund um die Uhr begleitet.

Das ist so treffend formuliert, dass es mir einen eigenen Blogeintrag wert ist. Das Internet ergänzt das Leben quasi um eine Metaebene. Der Gedanke, dass man sich jetzt ins Netz einwählt, dort etwas tut, als wäre es ein eigener Ort, als würde man dorthin verreisen und danach von dort zurückkehren, ist so unglaublich naiv gedacht. Sowas kann nur von Menschen kommen, deren Zugang zum Netz über Bin ich schon drin, oder was? in den letzten zehn Jahren nicht wirklich hinausgekommen ist. Dass man sich mit so einer ahnungslosen Anfänger-Attitüde überhaupt noch auf das Parkett der breiten Öffentlichkeit traut, liegt einzig und allein daran, dass man noch in bester Gesellschaft ist. Nichts gegen Anfänger, jeder fängt mal klein an, die Frage ist aber, ob man sich dann unbedingt ahnungslos stolpernd in dieser Größenordnung äußern muss. Ich würde mich in jedenfalls Grund und Boden schämen, wenn ich mich auf bundespolitischer Ebene so naiv etwa zum Thema Finanzmarkt äußern würde. Ein schönes Beispiel für peinlichst ahnungsloses Geqautsche leiferte zuletzt Frau Zypries mit ihrem Google-SMS-Gestammel ab.

Nun darf man natürlich hoffen, dass sich diese Leute rauswachsen, das werden sie auch sicher tun. Aber in der Zwischenzeit werden sie noch so viel kaputt machen mit ihrem Bestreben, das Internet zu bekämpfen. Das Internet geht nicht wieder weg und es wird sich auch ganz sicher nicht mehr zurückziehen und sich seine Nische suchen neben Zeitungen und Fernsehen. Es durchdringt die Gesellschaft um Klassen tiefgreifender und revolutionärer als das etwa der Buchdruck getan hat, eben weil es einen universellen Ansatz verfolgt. Es ist OK, sich da raus zu halten. Aber dann sollte man sich auch nicht einmischen. Ich lese keine Tageszeitung, hab ich noch nie getan. Ein bisschen schäme ich mich dafür, weil ich weiß, dass in Zeitungen viele gesellschaftlich wichtige Dinge drinstehen. Aber ich ziehe aus diesem Umstand nicht den Schluss, dass man Gesetze zur Eindämmung der gemeinen Zeitung erlassen muss. Ich finds doof, deswegen ist es doof und deswegen gehört es bekämpft. Was für ein hirnverbrannter und selbstverliebter Ansatz ist das denn bitte?

Und weil noch zu viele Leute so drauf sind, haben die Piraten eine gesellschaftlich so wichtige Funktion als Korrektiv und Denkanstoßgeber. Diese Funktion haben sie bisher großartig ausgeübt. Ohne eine so aufstrebende Jungpartei würden diese Themen in Zeit, Spiegel, FAZ und Co. noch immer keine echte Beachtung finden. Allein durch die Anwesenheit der Piraten als Manifestation der schon zuvor zu erahnenden gesellschaftlichen Umwälzung wird plötzlich recht offen über das Thema Informationsgesellschaft geredet. Erst seit jemand in der breiten Öffentlichkeit aufgetaucht ist, der offenbar beim Thema Informationsgesellschaft echtem Expertentum eine laute Stimme gibt, wird es zunehmend peinlich, sich ahnungslos zu äußern. Zumindest fällt die Peinlichkeit naiver Äußerungen dadurch immer mehr Leuten auf, was sich irgendwann auch rückkoppeln wird und die Anfänger sich vorsichtiger äußern lassen wird. So zumindest meine Hoffnung.


Rivva läuft aus

05 05 2009

Schade eigentlich, Frank Westphal lässt Rivva auslaufen bzw. genauer: Er entwickelt es nicht mehr weiter. Ich mag Rivva, habe es gar neben heise.de, golem.de und drei anderen Seiten als Schnellwahl-Bookmark in Opera drin. Rivva bietet einen guten Blick über die aktuelle Diskussion in den deutschen Blogs, dass es dort mitunter arg inzestös vorgeht ist nicht Rivva geschuldet. Wie auch immer: Mein Dank gilt Frank Westphal für die zwei Jahre Einsatz und ein gutes Produkt.

Was kommt als nächstes? Mal Gerüchte streuen: Frank wird wieder von Qype gebucht, um die misslungene Relaunch-Karre aus dem Dreck zu ziehen. Das wär doch mal was.


Ich plane einen Podcast - Feedback dazu?

03 04 2009

Schon eine ganze Weile treibt mich die Idee um, einen Podcast zu produzieren. Die Frage ist, will das überhaupt jemand hören? Was wären die Bedingungen, dass es sich jemand anhört? Ach ja, ein Podcast ist eine sich wiederholende Audiosendung, die im Internet bereigestellt wird. Folgendes hatte ich mir überlegt:

  • Weil ich nicht alleine quatschen will, brauche ich mindestens einen Widerpart. Die Frage hier ist: Soll das jemand festes sein und der Podcast heißt dann irgendwie so "Spackmat und NAMEHIEREINSETZEN" oder soll ich der feste Faktor sein und wechselnde "Gäste" haben? Quasi "Spackmat & Collegen". Das wäre sehr Egozentrisch, was mir nicht so recht gefällt, aber wenn ich nun mal die treibende Feder bin, ist das naheliegend. Dritte Alternative wäre "Spackcast" oder so und ich bin nicht fest, aber das ist auch komisch. Also Vorschläge? Hat jemand Lust, da mitzumachen? Wie mögt Ihr Eure Podcasts? Gäste kann man in allen Fällen reinpacken.
  • Musik wird es nicht geben. Keine Lust auf GEMA-Schwachsinn und mein Musikgeschmack ist auch nicht gerade massenkompatibel. Ach ja, außerdem nerven mich Podcasts mit Musik total.
  • Thematisch schwebt mir das vor, was ich auch so blogge und microblogge. Viele Sachen, die ich so schnell zwitschere, sind eigentlich eine etwas genauere Besprechung wert, andere lassen sich schriftlich schlecht ausdrücken. Man könnte also die Microblog-Einträge der letzten Zeit durchgehen und eine to-discuss Liste führen und dann der Reihe nach durchquatschen. Gefällt das?
  • Monothematisch oder polythematisch? Die ganz spannende Frage ist, ob ich alle Themen in eine Folge packen, oder ob es Folgen mit festen Themenbereichen geben soll? Das Problem ist ja, dass ich munter technisches mit privatem mischen würde, was immer eine Zielgruppe langweilt. Soll ich versuchen, da einen Spagat zu schaffen oder lieber mal ne Folge so und ne andere so machen?
  • Soll die Länge dynamisch sein oder fest? Wenn fest, wie lange? Soll ich lieber mehr Folgen bauen und unter ner halben Stunde bleiben oder seltener eine lange Folge machen?

Die Podcasts, die ich so höre sind Küchenradio (Ein Thema pro Folge, ein Team, Gäste), Technikwürze (aktuell ein Hauptmoderator, illustere Gäste per Skype und gelegentlich ein anderes Team als "Urlaubsvertretung") und Malte Welding macht auch gelegentlich Podcast. Letzteren finde ich persönlich vorbildlich, wenn man von der unfassbar quälenden Länge (drei Stunden und mehr) absieht. Trotzdem ist der gut genug, dass ich mir das immer wieder reinziehe.


Neue Verschwörungstheorie: Obama macht den Kennedy im Hubschrauber

02 03 2009

Aktuell geht eine Meldung durch die Presse, dass geheime Daten über Obamas Hubschrauber über eine P2P-Börse an die Öffentlichkeit gelangt sind und, oh weh, auf iranischen Webservern publiziert werden (etwa bei Heise: Daten über Obamas Hubschrauber auf iranischem Webserver). Dazu schoss mir sofort eine naheliegende Verschwörungstheorie in den Kopf: Da ist – vom wem auch immer – ein Anschlag auf Obama geplant bei dem Detailkenntnisse über Obamas Hubschrauber eine Rolle spielen werden. Und vorgreifend wird dieser iranischen Extremisten in die Schuhe geschoben, weil die ja Kenntnis diesen Interna erlangt haben. Das wäre ja ein prima Kriegsgrund, um endlich mal im Iran aufzuräumen. Solche Unterstellungen haben ja schon Tradition in der Kriegsgeschichte der USA. Vielleicht geht es aber auch einfach um einen Joker, den man in der Hinterhand haben will, wenn man Obama beseitigen möchte. Und den Internet-Präsident gerade mit dem Internet zu Fall zu bringen ist schon attraktiv für politische Gegner. Vielleicht misslingt der Anschlag ja auch nur knapp und bietet gleichzeitig super Argumente für die Wichtigkeit von Geheimdienstarbeit und die Einschränkung von Bürgerrechten. Vielleicht steckt ja auch Schäuble dahinter…

Jetzt mal im vollen Ernst: Die Story klingt vorne und hinten verdächtig. Da ist auf einem Rechner mit höchst geheimen Rüstungsdaten eine nicht näher genannte P2P-Tauschbörse installiert, die versehentlich die natürlich nicht besonders geschützt abgelegten Geheimdaten freigibt und einfach durch die Firewall einer Rüstungsfirma mit geheimen Daten kommunizieren kann. Hatte ich schon die Geheimheit der Daten erwähnt und die in solchen Fällen üblichen Sicherheitsvorschriften, die alles eher zulassen als eine P2P-Tauschbörse? Die Story stinkt allein schon aus dem Grund zum Himmel; wenn man etwas nachdenkt fallen einem noch viel mehr Sachen auf, die ich gar nicht niederschreiben will.

Wer Spaß an Verschwörungstheorien hat, kann sich ja mal seine Gedanken machen. Ansatzpunkte: Wer ist die Quelle (eine Sicherheitsfirma mit P2P-Fokus und ein Nachrichtensender ohne internationale Bedeutung)? Wer zieht wie Nutzen aus so einer Nachricht? Wofür ist sowas vielleicht in Zukunft nutzbar?


Ich Klick-Hure, ich

14 02 2009

Gelegentlich verlinke ich auf viel gelesene Blogs und setze dort auch ein Trackback. An sich ja legitim und Sinn der Funktion. Aber dann bekomme ich plötzlich zwischen 02:08 und 12:30 Uhr satte 19 Besucher zurück, wie heute Nacht/Morgen bei meinem Link auf Malte Weldings Blog. Das ist ja schön für mich, aber in solchen Fällen fühle ich mich immer wie eine miese SEO-Schlampe, weil ich dank meiner wenigen Besucher kaum jemand hinschicke, also eigentlich nur profitiere und Aufmerksamkeit abkassiere. So wie die miesen SEO-Typen, deren Hauptgeschäft es ist, sich mit inhaltlich fragwürdigen Kommentaren (Google-)Aufmerksamkeit von gut verlinkten Blogs zu erschleichen. Oft setze ich schon gar kein Trackback mehr, wenn ich auf der verlinkten Seite nichts beizutragen habe. Die scheiß Spammer machen echt mal alles kaputt.


Der Spice Hype

05 12 2008

Die Kräutermischung Spice geht momentan intensiv durch die Medien und bekommt durch die häufig ungenaue bis falsche Berichterstattung mehr Aufmerksamkeit, als sie verdient. Prima Beispiel: Spiegel Online bringt ein Video über Salvia (und nebenbei auch über Spice), in dem YouTube Videos von ziemlich abgehenden Salvia-Kiffern gezeigt werden. Soweit OK, allerdings frage ich mich schon hier, wieso da dann plötzlich über Spice geredet wird, wo Salvia Divinorum (Aztekensalbei) und Spice zwei wirklich verschiedene Paar Schuh sind: Salvia ist eines der stärksten Halluzinogene weit und breit und in Deutschland seit Anfang dieses Jahres nicht mehr frei verkäuflich. Nicht ganz zu Unrecht, mit Salvia ist wirklich nicht unbedarft zu spaßen, auf jeden Fall noch weniger als mit den meisten anderen Drogen. Spice, sowie seine "stärkeren" Varianten Spice Gold und Spice Diamond und alle Nachahmer wie Sence, ChillX und SMOK wirken je nach Erfahrungsbericht irgendwo zwischen gar nicht und etwa so stark wie Cannabis, nur irgendwie anders. Also erst mal keine Panik, liebe Eltern. Trotzdem sollte man die Finger davon lassen, zumindest bis geklärt ist, was es genau ist und wie es genau wirkt. Ohne dieses Wissen Drogen zu konsumieren ist nie eine kluge Idee, egal um welche Drogen es sich handelt. Cannabis ist übrigens hervorragend erforscht, millionenfach bewährt und vor allem viel billiger! Von Spice und Co. braucht man für eine nennenswerte Wirkung deutlich mehr als von durchschnittlichem Gras und pro Gramm 6-12€ sind nicht wirklich billig, wie viele Berichte behaupten. Brauchbares Gras kostet in Holland etwa das gleiche, kann aber deutlich viel mehr pro Gramm. Warum ist Spice dann so beliebt, außer dem offensichtlichen Grund, dass so ziemlich jedes Medium in den letzten Monaten profundes und sagenumwobenes Halbwissen darüber in die Welt gesetzt hat? Ganz klar: Es ist frei verkäuflich, was zur paradoxen Situation führt, dass gerade die bigotte und allemal überdenkenswerte Drogengesetzgebung die Leute scharenweise in die Arme von schlecht bis gar nicht erforschten und möglicherweise gefährlichen Cannabis-Alternativen wie Spice treibt. Ziel verfehlt würde ich mal sagen.

Wer Kinder hat und für wen deswegen Drogen ein Thema sind, sollte übrigens unbedingt mal mit (ehemaligen) Konsumenten darüber sprechen und/oder das Buch "Rauschzeichen - Cannabis: Alles, was man wissen muss" von Steffen Geyer und Georg Wurt" lesen. Ich kann das nur jedem empfehlen, sowohl potenziellen Cannabis-Konsumenten, als auch ganz besonders warm besorgten Eltern von Teenagern. Verbote und Verteufelungen bewirken bei Teenagern nämlich oft das genaue Gegenteil, wenn sie sich aus offensichtlich zur Schau gestelltem Un- bis Halbwissen speisen. Und über Cannabis und Drogen im Allgemeinen geistert unfassbar viel mythisches Halbwissen herum, das oft genug im krassen Widerspruch sowohl zur erfahrenen, als auch zur objektiven Realität steht. Also: Ruhe bewahren, gut informieren und Gespräche auf dem Boden der Tatsachen führen.

Ach ja, die Medienkritik: Spiegel Online benutzt die YouTube Videos von völlig geflashten Salvia-Konsumenten nicht nur im Beitrag über Salvia, sondern auch in einem gesonderten Beitrag über Spice und tut damit so, als würde Spice tierisch flashen. Allerdings flasht nicht mal Cannabis auch nur ansatzweise in der Art, wie es Salvia tut, und Spice erst recht nicht. Solche Berichterstattung klärt weniger auf, als sie neue Konsumenten in die Läden treibt. Das ist scheiße und nützt allein den Herstellern solcher Kräutermischungen. Spiegel Online ist aber nicht alleine damit, deren Videoberichte zum Thema sind sogar vergleichsweise gut recherchiert und bis auf den Fauxpas mit den falsch zitierten YouTube Videos recht stimmig.

Nachtrag 08.12.2008: Den lustigen Tippfehler im Titel habe ich schweren Herzens korrigiert. Aber eigentlich wollte ich darauf hinweisen, dass Malte vom Spreeblick just heute einen kleinen Drogenführer begonnen hat. Wer übrigens Malte nicht kennt oder den Spreeblick, hat recht wahrscheinlich was verpasst, für den Drogenführer gilt das auch. Also ran. Mal schauen wie die folgenden Kapitel aussehen werden.

Noch ein Nachtrag, diesmal am 18.12.2008: Wie man der Internet- und Tagespresse allenthalben entnehmen konnte, ist der wirksame Inhaltsstoff von Spice und Co. wohl das synthetisch hergestellte JWH-018. Siehe auch bei Steffen Geyer oder beim Spiegel Online. Damit ist das Geheimnis wohl geklärt, wenn die Analyse denn tatsächlich stimmt. Ergebnis für die Praxis: JWH-018 ist bisher nur an Mäusen erforscht, also lieber richtiges THC an den Start bringen. Ergebnis für die Sinnebene: Die Situation führt sehr klar die Absurdität des Cannabis-Banns vor Augen. Eine nicht gerade geringe Zahl von Menschen (vor allem Minderjährige) weicht auf legale Cannabis-Alternativen aus und nimmt allein für die Legalität ein unnötig hohes Risiko in Kauf, obwohl Cannabis hervorragend erforscht und vergleichsweise ungefährlich ist. Ungefährlicher jedenfalls als Tabak und auch als Alkohol (Gefährlichkeit hier gemessen an Todesofpern und Suchtpotenzial). Da kann ich nur den Kopf schütteln.