Die Antworten auf den Three Strikes Vorstoß
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 20:0117 09 2009
Aktuell liest man immer wieder von Forderungen seitens der Medienindustrie nach einem Three Strikes Sperrverfahren. Kurz gesagt geht es darum, Internetnutzern nach drei automatisierten Verwarnungen wegen Urheberrechtsverletzungen das Internet für einen gewissen Zeitraum zu sperren. Also im Prinzip analog zum Führerscheinentzug. Die Idee ist in Frankreich gerade zum zweiten Mal parlamentarisch verabschiedet worden, nachdem sie beim ersten Mal gerichtlich gestoppt wurde. Da das haarsträubend unverhältnismäßig ist, brauchen wir im Grunde nicht weiter darüber zu reden, aber es wird in einer Penetranz gefordert, dass man doch mal was dazu sagen muss, denn CDU/CSU und auch die SPD sind bereits ganz Ohr. Wie also reagieren?
Schritt eins ist das Wahlverhalten: Solche Äußerungen müssen sich klar in Wahlmisserfolgen niederschlagen. Aber seien wir mal realistisch, die CDU wird weiterhin an der Regierung bleiben (es gibt ja auch noch andere Problemfelder, bei denen die CDU/CSU nicht gar so klar wahnsinnig ist) und die Medienindustrielobby wird sich mit mehr oder weniger von dem Mist früher oder später durchsetzen und auf das Bundesverfassungsgericht will man sich auch nicht immer verlassen müssen. Für den Fall muss man sich wenigstens eine klare Strategie zurechtlegen. Meine ist sehr simpel und effektiv: Weg vom Mainstream. Wer sich frei macht von den Produkten der Medienindustrie, die immer massiver gegen ihre eigenen Kunden vorgeht, dem kann das alles egal sein. Und hier geht es ja jetzt nicht um alternativlose Geschichten wie Medikamente, sondern um Freizeitbeschäftigungen, bei denen ein Umschwenken auf verbraucherfreundlichere Produzenten kein Problem darstellt.
Es braucht also eine Art Fair Trade Siegel für Unterhaltungsprodukte, für das ein Mindestmaß an Umgangsformen gegenüber Künstlern und Konsumenten einzuhalten ist. Musik an sich ist kein Monopol (nur das einzelne Werk) und der Markt ist facettenreich genug, dass man immer genug Unterhaltungsprodukte bekommen kann von Produzenten, die sich fair verhalten. Fair gegen fair, denn wer so auftritt, dem gegenüber ist ein schlechtes Gewissen beim Nichtbezahlen deutlich ausgeprägter. Oder anders herum gesagt: Es wundert mich nicht im geringsten, dass fast niemand auch nur einen Hauch eines schlechten Gewissens beim Kopieren von Musik hat, angesichts der Art und Weise, wie die Musikindustrie in den letzten 15 Jahren ihre Kunden erst immer mehr abzockt und dann auch noch juristisch gegen sie vorgeht. Hier wird derart beispiellos die fütternde Hand gebissen, dass es mich sogar wundert, dass es die Musikindustrie überhaupt noch gibt. Die Leute lassen sich einfach nach Strich und Faden verarschen. Mein gezielter Konsum von Mainstream-Musik ist fast so sehr zurückgegangen, wie mein Fernsehkosum, der sich nahe Null bewegt, wenn man staffelweise eingenommene Serien nicht als Fernsehen zählt. In den letzten Jahren habe ich anteilig an meinem Gesamtmusikkonsum weniger CDs gekauft als je zuvor. Aber eben nicht, weil ich alle Musik illegal irgendwo saugen würde, sondern weil ich viel mehr legal kostenlose Quellen wie Internetradio und freie Musik anzapfe. Und mir geht es gut dabei. Wenn ich Musik gesaugt habe, dann habe ich den Scheiß entweder nach ein- bin zweimal Probehören entsorgt oder die CD gekauft, denn das gehört sich so. Dieses Probehören-Modell ist mir sowieso sehr bequem, ich kaufe einfach keine Katze im Sack mehr, denn fast alle auf gut Glück gekauften CDs der letzten Jahre waren mehr so geht so und das ist dann nun wirklich raus geworfenes Geld.
Also auf zur Medienrevolution! Wer seine Kunden blindwütig in den Knast bringen will, weil sein Geschäftsmodell nicht mehr so recht trägt und er sich zu fein ist, das mal zu überdenken, dem kann man auch guten Gewissens nichts mehr abkaufen. So funktioniert Markt nun mal: Pass Dich flexibel neuen Bedingungen an oder gehe unter.
Um es noch mal klar zu sagen: Ich wähle nicht die Piraten, weil ich ungestraft unbegrenzt Musik klauen will. Darum geht es nicht, wenn es auch unter den Piraten eine gewisse Anzahl Leute gibt, die genau das wollen. Es geht darum, dass man über eine Änderung des Urheberrechts nicht herum kommt und dem Einfluss der Medienindustrie darauf ein Gegengewicht von Bürgerseite entgegengestellt werden muss. Niemand will verarmte Künstler, aber drakonische Strafen einzuführen gegen etwas, das ein großer Teil der Bevölkerung macht, kann es eben auch nicht sein.
Kategorien : Zeitgeist
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