Rauchen in Restaurants
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 22:0322 09 2010
Kürzlich war ich in der Trattoria/Pizzeria gegenüber, um bestellte Speisen abzuholen. Irgendwas stimmte hier nicht und war doch so vertraut. Zuerst trat nur der Stapel Aschenbecher in mein Unterbewusstsein, der sich auf dem Anrichttisch neben den Servietten und dem Besteck befand. Da ich im Gespräch war, fiel mir erst nach einer Weile auf, dass auch auf den Tischen Aschenbecher standen und überall rauchende Gäste im schummerigen Licht saßen. Moment mal, der ganze Raum war total verqualmt; In einem Restaurant. In dem gegessen wird! Schlimmer noch, in einem Restaurant mit offenem Küchenbereich. Gibt es nicht seit ein paar Jahren so ein Nichtraucherschutzgesetz [PDF], das sich so schön NiSchG NRW
abkürzt? Sind da nicht klare Regeln zum Thema Gastronomie und Rauchen kodifiziert? Dürfen die das? Immerhin stehen die (wahrscheinlich) nicht auf S und M oder zerschneiden sich mit Glas.
Nüchtern betrachtet: Nein, das dürfen die keinesfalls. Es gibt eine ausführliche FAQ zum NiSchG NRW, der man allerlei für Menschen umformulierte Ausnahmen entnehmen kann. Der Hauptgastraum eines Restaurants gehört keinesfalls dazu: Das Raucherclub-Schlupfloch gilt nicht und als Eckkneipe geht die Bude auch nicht durch, eine andere der zahlreichen Ausnahmen (Zelte, geschlossene Gesellschaften, Brauchtum etc.) kommen ebenfalls nicht in Betracht. Es gibt noch einen zweiten Gastraum zum Hof hin, der ist kleiner und abgeschlossen und erfüllt somit genau die Regeln für einen Raucherraum, aber ich stand im Hauptraum im Qualm. Raucherräume müssen übrigens immer die kleineren Räume sein, damit niemand auf die Idee kommt, die Abstellkammer zum Hauptraum zu erklären und an der Theke schön rauchen zu lassen.
An der Ecke gibt es noch eine größere Kneipe mit Billard, Kegelbahnen, Sport auf Großbildschirmen und richtiger Speisegastronomie, an der Tür hängt das Raucherclub-Schild und drinnen war es zum WM-Viertelfinale so verqualmt, dass man von der Tür nicht ohne weiteres den ganzen Gastraum erfassen konnte. Ein guter Grund, das Spiel doch zu Hause zu gucken. Auch hier gilt (wegen des Essens), dass es eigentlich keinen Raucherclub geben dürfte. Skandal!!11 In dieser scheiß Straße kann man nirgends hingehen, ohne seine Klamotten nachher zur Reinigung bringen zu müssen. Cafékneipe an anderer Ecke: Ebenfalls Raucherclub, aber immerhin ist Essen hier nur Nebensache. Bei den anderen Läden hier im Kiez (ich hasse dieses Wort) bin ich mir auch nicht sicher.
Fuck off, wieso interessiert es kein Schwein, dass es da eine gesetzliche Regelung für gibt? Nicht, dass ich – mit oder ohne Rauch – gerne in Kneipen rumhängen würde, das konnte ich noch nie leiden, aber manchmal muss man sich dem sozialen Druck beugen und in Kneipen rumhängen. Ganz zu schweigen von schummerigen Restaurants, die ich durchaus gerne mal besuche. Wieso muss ich hinnehmen, dass ich und mein Schlafzimmer nach so einem Besuch wie ein Aschenbecher müffeln? Das Leben ist nicht fair, zum kotzen.
Gerade stelle ich mir das süffisante Gesicht vom militanten Rauchertyp mit der kernigen Stimme vor, was mir eine Ahnung davon verschafft, wieso landauf, landab das NiSchG NRW kommentarlos ignoriert wird: Man wird als Spießer und Pedant dargestellt, wenn man kein Bock auf Qualm hat. Man soll mal die armen Raucher in Ruhe ihr Ding machen lassen und sich nicht anstellen. Wenn man kein Bock auf Kneipe hat, soll man halt zu Hause bleiben, man Pussy. Da kann ich nur eins sagen: Gar keine so schlechte Idee, geht man eben in Läden, die sich an Gesetze halten. Oder man bleibt einfach zu Hause, ist sowieso billiger und man kann ohne vollgequatscht zu werden seinen Joint rauchen. Wobei, das ist auch kacke, weil die Bude dann so stinkt. Das ist bestimmt auch der Grund, wieso viele Leute lieber in Kneipen rauchen. Jetzt verstehe ich auch, wieso das Rauchen in Kneipen so kratzbürstig verteidigt wird: Es ist das letzte Refugium der Raucher, denn zu Hause will man wegen des Gestanks und der ständig notwendigen Renovierungen (und nicht zu vergessen auch des Verlusts der Garantie der teuren Apple-Produkte) gar nicht rauchen. Außerdem kann man zu Hause auch nicht so schön das Enfant terrible geben, indem man anderen völlig selbstverständlich ungehörig auf die Eier geht. Was wir eigentlich brauchen ist kein NiSchG, sondern eine Renaissance der gesellschaftlichen Übereinkunft, dass man seinen Mitmenschen vorzugsweise nicht ungehörig auf die Eier geht. Freie demokratische Grundordnung und so. Es muss wohl ein Ruck durch Deutschlands Gastronomie gehen.
Übrigens apropos Joints: In Holland gilt in einigen Gemeinden striktes Rauchverbot, das sogar bei Coffee Shops keine Ausnahme macht, deren Kernzweck der Konsum von Cannabis ist. Auf den ersten Blick reichlich widersinnig, aber im Grunde leicht und vor allem deutlich gesünder zu lösen: Man raucht das Gras nicht, sonder isst Space-Cookies oder nimmt das THC vaporisiert statt verbrannt zu sich. Davon muss man nicht husten, zieht sich keine giftigen Verbrennungsprodukte rein, es stinkt gar nicht und die Wirkung ist um Größenordnungen effizienter zu erreichen (gemessen an der verbrauchten Menge bei gleicher Wirkung). Nachteil: So ein Vaporisator ist nicht ganz billig in der Anschaffung und die gas- oder akkubetriebenen mobilen Geräte machen mangels präziser Temperaturregelung wohl keinen Spaß. Also sitzt man um so ein stationäres Ding wie um eine Shisha oder befüllt große Ballons und reicht die herum. Stilvoll ist wohl anders, aber da müsste man Experten in Sachen Rauchen und Stil befragen.
P.S. Bei IKEA gibt es neuerdings einen leicht dunkel verglasten Raucherkäfig im Eingangsbereich des Restaurants. Da drin sitzen rundherum sichtbar ein paar Raucher im eigenen Saft und gehen ihrem Laster nach. Das sieht so demütigend aus, dass die einem fast leid tun. Andererseits ist es schon eine befriedigende Vorstellung, das Ziel der Finger von empörten Mamas zu sein, die ihren Amélies und Torbens die Raucher-Outlaws als Musterbeispiel eines keinesfalls erstrebenswerten Lebensstil vorführen; nur um irgendwann enttäuscht festzustellen dass die Kinder irgendwann erst recht die Leute werden, vor denen ihre Eltern sie immer gewarnt haben. Demnächst schminke ich mich KISS-mäßig und stelle mich eine Weile in den Raucherzoo, um mich auch mal kernig und männlich zu fühlen. Schlimm genug, dass mir kein brauchbarer Bart wächst. Vielleicht bin ich dabei sogar nackt, rufe die Republik freier Raucherzoo aus und zu freier Liebe auf. Arrr.
Kategorien : Zeitgeist
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