Das Hochzeits-Dilemma

13 12 2011

Ich wäre längst verheiratet, wenn das mit der Feier nicht so ein Dilemma wäre: Man kann es einfach nicht allen recht machen. Aber fangen wir mal an, wieso man überhaupt heiraten will:

  1. Aus Liebe. Das ist romantisch, aber heutzutage irgendwie auch ziemlich überflüssig, denn an der Liebe wird sich durch so eine Trauung eher nichts verändern, jedenfalls nicht zum Positiven.
  2. Um der Beziehung einen legalen Rahmen zu geben. Sei es, weil man nicht unverheiratet Kinder in Welt setzen will, weil man als Mann dann im Zweifel ziemlich gebumstrechtelos ist. Sei es, weil man endlich von meiner Frau bzw. meinem Mann sprechen möchte, ohne Irritationen hervorzurufen. Es gibt etliche solcher kleinen Gründe und zusammengenommen sind sie für mich der Hauptgrund für eine Heirat.
  3. Wegen der Party. Ernsthaft: Auf eine schöne Hochzeit freuen sich viele ihr ganzes Leben lang, ich zumindest. Punkt.
  4. Aus Steuergründen. Da ich das Thema Steuern so weit von mir weg wie nur möglich schiebe, denke ich daran immer erst zuletzt. Außerdem gibt es echt nichts unromantischeres als wegen Steuern zu heiraten. Das schenkt denen nur Aufmerksamkeit, die sie nicht verdienen, die Steuern. Ein realistischer Blick aufs Konto oder ein Gespräch mit dem Steuerberater macht diesen Grund allerdings zum praktisch wichtigsten von allen. Eigentlich Grund genug, schon aus Trotz gar nicht zu heiraten.

Wenn ich all diese Gründe aufsummiere, will ich eigentlich lieber heute als irgendwannmal™ heiraten. Der einzige Grund, der mich bisher davon abgehalten hat, ist die Schwierigkeit, das angemessene Ausmaß der Feier zu finden. Im Grunde kann man da nur verlieren, wenn man nicht der erste ist, der aus dem näheren Umfeld heiratet. Man hat etwa fünf grundsätzliche Optionen:

  1. Man lädt alle ein, die man irgendwie kennt. Da kommt schnell eine nicht ganz kleine dreistellige Zahl an Leuten zusammen, was so eine Hochzeit in organisatorische und vor allem finanzielle Dimensionen katapultiert, dass es einem den Magen umdreht. Vorteil ist ganz klar, dass niemand beleidigt ist, nicht eingeladen worden zu sein. Die Türken machen das angeblich so, aber bei denen ist jeder Gast traditionell ein Plusgeschäft, weil ein Hochzeitsgeschenk als Starthilfe fürs Leben gesehen wird und entsprechend ein ordentlicher Geldbetrag zusammen kommt.
  2. Man streicht so lange Leute heraus, mit denen man eigentlich gar nicht so viel zu tun hat, bis man bei ca. 70 Leuten ist. Damit wird man schon einer unangenehm großen Zahl an Leuten vor den Kopf stoßen, es ist trotzdem noch ziemlich teuer, aber wenigstens organisatorisch realistisch zu stemmen. Als Kompromiss die von den meisten Leuten in meinem Umfeld gewählte Variante.
  3. Man baut eine rigide Positivliste: (Nähere) Familie rein, nur enge Freunde rein, alle anderen raus. Da wird man auf unter 40 Leute kommen und kann vor allem zeigen nicht eingeladene Leute hier mehr Verständnis, weil die Abgrenzung klarer ist. Trotzdem sind es gerade die nur knapp herausgefallenen, die einem das dann besonders übel nehmen, vor allem, wenn man zuvor schon auf deren Hochzeit getanzt hat. Das Problem verschlimmert sich also mit jeder Hochzeit, auf die man eingeladen war, also bei Bildungsbürgern ab Ende 20 rapide. Ein echt guter Grund, lieber früher als später zu heiraten.
  4. Man macht gar keine Party, sondern lädt nur die nähere Familie und allerbeste Freunde ins Standesamt und danach in irgendein nahe gelegenes Restaurant ein. Das wird zwar lange Gesichter beim allen auslösen, auf deren Hochzeit man schon eingeladen war (Aha, Kleinsparer!), aber es ist eine günstige und saubere Lösung. Nachteil: Keine Party. Wenn man sich sein Leben auf die eigene Frau im Brautkleid gefreut hat, ist das ein bitterer Abstrich. Das Vorhaben, die Party irgendwann nachzuholen, zieht man als Atheist mangels Gelegenheit frühestens mit Anfang 50 durch, wenn einem das wieder einfällt, weil die Kinder aus dem Haus sind.
  5. Man heiratet heimlich. Das Äquivalent zur anonymen Bestattung als Asche unterm Baum oder auf hoher See. Irgendwie unbefriedigend und auch etwas feige aus der Affäre gezogen. Trotzdem denke ich ernsthaft darüber nach, denn wenn es eh schon keine Party gibt, kann man auch gleich heimlich heiraten. Billig, schnell und man stößt allen vor den Kopf, so dass sich exakt niemand zurückgesetzt fühlen kann. Andererseits will man das freudige Erlebnis ja schon mit irgendwem teilen können.
  6. Man kann auch Sonderformen wählen: Viele Gäste und alle bringen was zu Essen oder zu Trinken mit und der Raum ist günstig. Das ist ein Modell, das wenigstens das finanzielle Problem löst, allerdings den bisher noch gar nicht angesprochenen Stressfaktor noch etwas erhöht und zudem schnell mal einen muffigen Kalter-Hund-Charme versprüht.

Was also tun? Die Erwartungshaltungen sind kaum unter einen Hut zu bringen, ich kann also jeden verstehen, der davor kapituliert und einfach gar nicht heiratet. Ein attraktiver Ausweg. Andererseits bleibt das dauerhaft schale Gefühl, der halben Sachen. Nichts für mich, und schon mal gar nicht, wenn Kinder ins Spiel kommen. Darüber könnte ich noch mal so einen Text schreiben, irgendwannmal.

Ich tendiere ja zur nur-Familie-ins-Standesamt-mitnehmen-Lösung, das sind ja auch schon über 20 Leute, wenn es nur um Großeltern, Eltern, Geschwister und deren Kinder geht. Was schickes anziehen, Hochzeit durchziehen, lecker Essen gehen, Feierthema offen lassen, möglichst wenig Stress. Reicht eigentlich. Mehr Feier kann ich mir realistisch betrachtet auch auf mittlere Sicht sowieso nicht leisten, weil ich nicht das Glück habe, dass die Brauteltern die Hochzeit ausrichten. Und wenn man doch mal zu Geld kommt, kann man eine ordentliche Feier immer noch nachholen. Trotzdem schade, die Freunde von der eigenen Hochzeit auszuschließen. Und auch irgendwie schade um meine Jahre gereiften Ideen für eine Feier nach meinem Geschmack, also schade um die Cheeseburgerpyramide als Buffethöhepunkt. Und schade um den Kitsch, denn ein wenig gezielt dem Kitsch aussetzen ist erfrischend wie ein Eimer Eiswasser nach dem Saunabesuch. Ach alles scheiße…


Überraschung: Ein Aufruf pro Hausaufgaben

06 11 2011

Ich habe Hausaufgaben gehasst, von der ersten Klasse an, egal wir schnell erledigt, egal wie spaßig an sich gedacht. Dass man jeden Tag in die Schule muss und wenn man schon mal da ist halt auch das beste draus macht, konnte ich einsehen. Was heißt einsehen? Akzeptieren trifft es besser. Aber um 13:30 Uhr war dieser Teil des Tages für mich abgehakt und ich konnte mich Dingen widmen, die mich tatsächlich und ureigen interessiert haben. Hausaufgaben habe ich folglich immer als dreisten Übergriff des Schulaspekts im Leben wahrgenommen, den es unter allen Umständen zu vermeiden gilt. Das könnte damit zusammenhängen, dass ich während der Präsenzzeit in der Schule immer gut zugehört und mitgedacht habe und der Auffassung war, dass Hausaufgaben eine Strafe für die Typen wäre, die – warum auch immer – ihr Hirn in der Schule nicht einschalten können oder wollen und das folglich zu Hause nachholen müssen.

Hausaufgaben gingen mir also total am Arsch vorbei. Mit zwei Ausnahmen: Im Physik LK habe ich fast immer meine Hausaufgaben selbst gemacht, weil mir der Nutzwert der wirklich dringend nötigen Übung sonnenklar war (ansonsten hätte es zu einer 1 nicht gereicht, Ehrgeiz und so). Und weil der Lehrer mit Schülern schlimme Dinge angestellt hat, die keine Hausaufgaben gemacht oder wenigstens abgeschrieben hatten. Man musste etwa an die Tafel und die Aufgabe dort vor dem ganzen Kurs in Echtzeit nachholen. Wollte man definitiv nicht, glaubt es mir einfach.

Die andere Ausnahme war der Lateinunterricht in der 11. Klasse: Ich habe die Übersetzungs-Hausaufgaben immer mit einem Kumpel per Brute-Force-Attacke gelöst. Wir haben uns Montag nach der Schule getroffen, alle Vokabeln des Textes in drei Wörterbüchern nachgeschlagen, in eine Liste geschrieben und dann die Sätze nach wahrscheinlichster Sinnhaftigkeit zusammengesetzt. Das hat deswegen Spaß gemacht, weil wir zu zweit waren und immer möglichst absurde, aber eben noch irgendwie belegbare Übersetzungen ersonnen haben. Highlight: Wir haben mal die Milch männlicher Fische in einem Text verwendet, weil das tatsächlich in einem der drei Wörterbücher stand. Nebeneffekt 1 war, dass ich mein Latinum bei einem gestrengen Lehrer immerhin mit einer sauberen 3 abschließen konnte, was einer 1- in anderen Fächern gleich kam. Nebeneffekt 2 war aber auch nicht zu verachten: In der Oberstufe hatten wir einen ungeschriebenen Kodex, dass wir uns alle gegenseitig bestmöglich unterstützen. Und unsere freiwilligen Meldungen bei der Verlesung der Hausaufgaben hat für alle anderen im Kurs das Anfertigen der Hausaufgaben optional gemacht, denn es wurde niemand dran genommen, solange es Freiwillige gab. Gut fürs Kurs- und Stufenklima.

Darauf wollte ich aber gar nicht hinaus. Hausaufgaben habe ich also fast durchweg abgelehnt und tue es auch weitgehend heute noch. Einziger Zweck ist fast immer, Leuten eine zweite Chance einzuräumen, die im Unterricht nicht mitgedacht haben, also für die mit der richtigen Einstellung eine pure Schikane. Insgesamt also für im Unterricht fleißige Schüler wie mich rundweg abzulehnen. Anlässlich mehrerer Träume in Folge, die in der Schule spielten, habe ich aber noch mal darüber nachgedacht. Spannende Frage: Was wäre, wenn ich in der Schule keine Hausaufgaben gehabt hätte? Was wäre die Auswirkung gewesen?

Ohne Hausaufgaben hätte ich die lebenswichtige Fähigkeit nicht erlernt, lästige Aufgaben nur genau so weit zu erledigen, dass man nicht negativ auffällt. Diese Fähigkeit kann man gar nicht wichtig genug nehmen: Die Grundlast gut verteilen und möglichst unauffällig und wiederum arbeitsarm abzuschreiben, ein Gespür dafür entwickeln, wann ein vollständiges Ignorieren möglich ist. Dann aber wiederum bemerken wenn es drauf ankommt und im richtigen Moment das richtige Maß an Arbeit investieren. So in etwa lautet das Rezept für Hausaufgaben und das lässt sich im späteren Leben erstaunlich häufig anwenden, auch wenn es gar keine Hausaufgaben mehr gibt.

Ohne ständige Hausaufgaben, denen es aus dem Weg zu gehen gilt, hat man es später doppelt schwer. Also sind Hausaufgaben gar nicht durchweg scheiße, sondern im Gegenteil ein wichtiger Teil der Vorbereitung auf ein gutes Leben. So hatte ich das noch nie gesehen. Und dann gibt es in machen Fächern tatsächlich noch einen messbaren Übungseffekt. So schwer es mir also fällt, muss ich meine bisherige Einstellung widerrufen, ja gar fordern, dass Hausaufgaben aufgegeben werden. Sowas…


Düsseldorf als Android-Hauptstadt. Ein Messfehler?

01 07 2011

Ich bekam gerade Sexkontakte in Frankfurt am Main angeboten. In Form von als Chatanfrage getarnter Werbung unten rechts im Browser. Und ich habe einen VDSL-Anschluss bei 1&1, die VDSL von der Telekom wiederverkaufen, also bin ich leider mittelbar Telekom Kunde. Leider, weil YouTube deswegen für mich in der Mehrzahl der Fälle so unbrauchbar war, dass ich dort nach 17:00 Uhr nur noch selten versuche, ein Video in 720p anzusehen. Vielleicht ist das inzwischen anders, aber meine Entscheidung, von der Telekom schnellstmöglich weg zu kommen, habe ich bereits getroffen.

Aber was haben die angebotenen Sexkontakte in Frankfurt am Main mit der Telekom zu tun? Nun:

1. Die Sexkontaktwerbung versucht anhand meiner aktuellen IP-Adresse zu erraten, wo ich mich befinde. Das klappt mal mehr, mal weniger gut; in dem Fall wohl weniger. Die IP-Adresse wird vom Provider vergeben. Ist ein bestimmter Adressbereich nicht mit sinnvollen Informationen in der verwendeten Ortsdatenbank verzeichnet, wird ersatzweise der Ort des Providers zurückgeliefert, so gibt es also immer wieder lustige Häufungen in den Städten, in denen die Provider ihre IP-Adressen registriert haben. So ähnlich wie die Nummernschilder von Mietwagen, falls sich mal jemand gefragt hat, wieso in ganz Deutschland so auffällig viele Fahrzeuge aus Hamburg oder Düren unterwegs sind.

2. Vor ein paar Tagen ging die Meldung um, dass auffällig viele Android-Nutzer aus Düsseldorf kommen und auffällig viele iPhone-Nutzer aus Frankfurt am Main, siehe etwa hier. Als Datenbasis dient ein Werbenetzwerk, das Ortsinformationen über die Einblendung mobiler Werbeanzeigen speichert.

3. iPhone-Nutzer sind wegen der jahrelangen Exklusivbindung signifikant häufig auch T-Mobile-Kunden.

4. Mit Vodafone und E-Plus/Base haben gleich zwei der drei anderen Netzbetreiber ihre Zentrale in Düsseldorf.

5. Apps können sich auf Smartphones das Recht einräumen, eine sehr bis mittelgenaue Ortung auf Basis von GPS, WLAN oder Mobilfunkzellen zu benutzen. Websites im Browser haben dieses Recht normalerweise nicht und müssen sich die Ortsinformationen wie beim Desktop-PC über die IP-Adresse herleiten. Hinzu kommt, dass die meisten Mobilfunk-Provider viele UMTS-Kunden hinter wenigen externen IP-Adressen verstecken und überhaupt keine IP-Adressen mit Ortsbezug vergeben. Wer mal eine Klausur bei mir geschrieben hat, sollte wissen: Aha, hier kommt das famose NAT zum Einsatz!

Wenn man nun eins und eins zusammenzählt, könnte man also auf eine naheliegende Erklärung für das Phänomen mit der auffälligen Smartphone-Ungleichverteilung kommen. Das wäre ja mal eine schöne Klausurfrage.

Disclaimer: Ich habe die zugrunde liegende Studie weder gelesen, noch mich überhaupt eingehend damit beschäftigt, also ist mein Einwurf als bloßes Postulat zu werten.


Wählen gehen! Oder auch nicht.

27 09 2009

So Freunde der Nacht, es ist Wahltag und alle gehen hin. Es gilt allgemein als der Demokratie wenig zuträglich, wenn die Wahlbeteiligung gering ist, in Belgien gibt es sogar (wie in einigen anderen Lädern, siehe Wikipedia) eine Wahlpflicht. Grundsätzlich stimme ich der herrschenden Meinung zu, dass nicht zu wählen schlecht für die Demokratie ist. Aber andererseits stellt sich mir die Frage, warum das eigentlich so sein soll?

Nehmen wir mal an, es gibt im Volke etwa 1/3 der Bürger, die aus politischer Motiviation heraus und inhaltegetrieben irgendeine Partei wählen, die restlichen 2/3 sind im Grunde uninformiert und interessieren sich auch nicht groß dafür. Die Zahlen könnten auch beliebig anders aussehen, so lässt sich aber leichter rechnen. Also diese nur partiell von BILD und Co. informierten Wähler überblicken die Tragweite der Wahl nicht so recht. Davon geht die eine Hälfte zur Wahl, die andere Hälfte eben nicht, weil es für sie sowieso keinen Unterschied macht, wer jetzt wie was abstimmt, es ist alles scheiße oder alles schon OK so. Die andere Hälfte aber geht zur Wahl und wählt nicht inhaltegetrieben, sondern nach Bauchgefühl und Nasenfaktor. Jetzt stellt sich mir die Frage: Warum soll es der Demokratie zuträglich sein, wenn der Anteil der Nasenfaktor-Wähler gesteigert wird? Man stelle sich als Gedankenspiel mal vor, alle würden zur Wahl gehen (müssen, wollen, egal warum). Dann würden die Leute, denen das alles total egal ist halt irgendwen wählen, der gut aussieht oder gut klingt oder populistische Versprechungen macht; das Drittel politisch interessierter und aus halbwegs fundierter Meinung heraus wählender Bürger würde ins Hintertreffen geraten.

Meine Prämisse ist also, dass eine hohe Wahlbeteiligung keineswegs das Interesse an der konkreten Politik erhöhen würde. Es wäre ja begrüßenswert, wenn das anders wäre, aber das ist es in meinen Augen eben gerade nicht. Leute gehen nicht zur Wahl, weil sie entweder im Großen und Ganzen zufrieden mit der aktuellen Situation sind und ihnen deswegen der Ausgang der Wahl egal ist, oder weil sie alles so doof finden, dass sich ihrer Meinung nach eh nichts ändern wird. Stimmen dieser Gruppen sind nicht zweckdienlich, sondern im Gegenteil tendenziell eher schädlich. Also begrüße ich es, wenn jemand nicht wählen geht und somit anderen die Entscheidung überlässt. Das ist allemal besser, als einfach ohne Sinn und Verstand irgendwen zu wählen. Warum soll irgendwen wählen der Demokratie zuträglich sein? Was wäre die Folge? Die Parteien würden sich primär auf diese Leute stürzen und einen rein populistischen Wahlkampf machen, echte und komplexe Inhalte wären noch schwieriger zu verkaufen, als jetzt schon. Das ist kein Dienst an der Demokratie, sondern bestenfalls Rauschen.

Meine Prämisse und die daraus abgeleitete Folgerung ist – zugegeben – ein reichlich elitärer Ansatz. Ich möchte aber niemandem das Wahlrecht absprechen oder die Gewichtung ändern, wie das mitunter als Forderung aus der CDU kommt. Das ist tatsächlich ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. Ich widerspreche lediglich der herrschenden Forderung, dass doch bitte alle wählen gehen sollen. Natürlich wäre es wünschenswert, dass alle sich politisch informieren und dann wählen gehen, um eine Regierung zu legitimieren. Aber so ist es ja nicht. Ich ändere die Forderung also ab: Ich fordere von allen Bürgern, sich politisch zu informieren und zu interessieren. Solange das nicht erfüllt ist, ist eine niedrige Wahlbeteiligung an sich nur ein Symptom dieses Desinteresses, mithin nur mittelbar schlecht für die Demokratie. Im Wunsch nach höherer Wahlbeteiligung schwingt immer die naive Hoffnung mit, dass die Nichtwähler der richtigen (also der eigenen) Meinung zugetan sind. Bei der SPD mag das in Teilen auch stimmen, aber gesamt gesehen halte ich das für eine steile These. Was nicht heißt, dass es illegitim wäre, Nichtwähler zu umwerben.

Also modifizierte Forderung: Geht unbedingt wählen, aber nur, wenn ihr nach irgendwie zielführenden Kriterien entscheidet. Zielführend ist es übrigens durchaus auch, ungültig zu wählen oder aus Protest, wenn man sich der Aussage klar ist, die das trifft.


Kevin und Justin habens schwer

16 09 2009

Gerade las ich im Schulspiegel einen Artikel mit dem Titel Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose. Da geht es um eine wissenschaftliche Untersuchung, die zeigt, dass Grundschullehrer Vorurteile gegenüber verschiedenen Namen haben. Kevins und Justins, Chantals und Mandys halten ein überwiegender Teil der Lehrer allein vom Namen her für weniger leistungsstark als Maximilians, Maries, Lukas (von denen ich spontan keine Mehrzahl bilden kann) und Neles. Das geht mir ganz genau so. Kein Mensch bei Verstand nennt sein Kind Kevin oder Justin, wirklich nicht. Wenn man von vornherein klarstellen will, dass sein Kind dem Prekariat angehört, gibt man ihm solche Namen. Ich frage mich, wie es sein kann, dass auch nach gefühlten 15 Jahren schlechten Rufs immer noch Menschen ihre Kinder derart brandmarken. Warum nur? Die Namen klingen ja nicht mal schön.

Was ich aber von so einer Untersuchung ebenfalls erwarte, ist, dass neben dem wegen unreflektierter Vorurteile erhobenem Zeigefinger auch eine Überprüfung eben dieser Vorurteile stattfindet. Es wäre doch mal spannend zu erfahren, ob Kevins und Justins tatsächlich weniger leistungsstark sind als andere Kinder. Es würde mich überraschen, wenn es im Zuge von Pisa und vergleichenden Schultests keine objektiv erhobenen Zahlen dazu gäbe. Denn ich habe das deutliche Gefühl, dass Kinder mit solchen Namen signifikant eher bildungsfernen Schichten angehören und das hat ja bekanntlich sehr wohl objektiv messbare Auswirkungen auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Was jetzt nicht heißen soll, dass das ein Automatismus ist.

Man ist also nicht blöd, weil man Kevin heißt, sondern hat mit hoher Wahrscheinlichkeit blöde oder auf dem Mond lebende oder mit eigentümlichem Humor ausgestattete Eltern, was wiederum nicht selten eine Mitschuld daran trägt, wenn man etwas weniger klug ist als seine Altersgenossen aus Akademikerhaushalten. Wobei blöd jetzt auch schon wieder ein blödes Wort ist. Und fair ist das tatsächlich nicht, der erhobene Zeigefinger hat ja durchaus seine Berechtigung. Das Problem ist nun mal, dass Lehrer auch Menschen sind und Menschen haben die Neigung zu verallgemeinern, bewusst oder unbewusst.

Mal Hand aufs Herz: Welche Eigenschaften assoziiert Ihr spontan mit einem Kind, das Kevin, Justin, Jaqueline oder Chantal heißt? Und welche Assoziationen habt Ihr bei Kindern, die Evalotte, Marie, Philipp oder Malte heißen? Woraus stützt sich das bei Euch? Eben.

Nachtrag 05.12.2009: Gerade fällt mir ein, woran man recht klar erkennen kann, ob ein Mädchen eher Jaqueline oder Marie heißt: Hat sie (auch schon in der Grundschule) weiße Stiefel an, ist der Fall klar. Ich muss echt mal was über weiße Stiefel schreiben.

Nachtrag 27.08.2010: Inzwischen gibt es eine weitere Arbeit zum Thema, die untersucht hat, ob Lehrer tatsächlich je nach Name anders bewerten. Das Ergebnis zeigt keinen signifikanten Zusammenhang, wie man bei Anatol Stefanowitsch erfährt. Meine Frage bleibt also offen, ob Kevins und Mandys denn nun objektiv weniger leistungsfähig als Maximilians und Maries sind, oder eben nicht.


Schön gesagt Ronnie Vuine

23 08 2009

Das ist schön gesagt von Ronnie Vuine aus Berlin zur Anwesenheit der Piraten:

Die Grünen waren die politische Manifestation einer Bewegung der radikalen Infragestellung. Die Piraten dagegen sind eigentlich stockbrav. Sie haben in Sozialkunde aufgepasst und fordern die Einhaltung der Regeln ein, die man ihnen beigebracht hat. Ihre Existenz ist zweifellos das schönste Kompliment, das der alten Dame Grundgesetz zum 60sten gemacht werden konnte.

Denn genau darum geht es doch den Piraten und deren Sympathisanten. Sie sind die Gegenposition zur lobbygetriebenen Demagogie der aktuellen Regierung und Rufen zur Vernunft auf, zum Einhalten der großartigen Regeln des Grundgesetzes. Wer das verfasst hat, muss sehr weise gewesen sein und die Piraten verehren es. Und zwar tun sie das zu großen Teilen aus intellektueller (staatsphilosophischer) Reflektion heraus oder zumindest, weil ihnen das in der Schule so vermittelt wurde und es unter Nutzung des gesunden Menschenverstandes auch irgendwie sinnvoll klingt.

Aus dem gleichen Artikel stammt auch folgender Satz:

Wer in jedem Kommentar absätzelang betont, wie zweifellos schrecklich Kindesmißbrauch ist, ist bereits in der Falle des Familienministeriums, weil er das Problem als akutes politisches Problem akzeptiert — und zudem sich in vorauseilendem Gehorsam gegen einen lauernden Verdacht verteidigt, der, im persönlichen Umgang angedeutet, ziemlich handfesten Ärger nach sich ziehen würde.

Das ist genau der Grund, warum man solche Absätze bei mir nicht finden wird. Es ist allgemeiner Konsens, was von Kinderpornographie, vor allem aber von Kindesmissbrauch zu halten ist. Ich sehe wirklich keinerlei Grund, auf diesen Konsens bei jeder Gelegenheit explizit hinzuweisen, nur weil Frau von der Leyen und die BILD-Zeitung so tun, als würde jede Kritik an deren Argumentation diesen Konsens in Frage stellen. Wer also wortreich und immer wieder darauf hinweist, hält entweder seine Leser für dumm oder sollte seine Argumentation nochmals überprüfen, falls der Hinweis doch notwendig sein sollte. Dann reicht aber auch ein kurzer Satz dazu.

Via Ole Reißmann, Journalist.


Die Angst vorm Personalchef und die Authentizität

23 08 2009

Seit geraumer Zeit reift bei mir ein länglicher Blogeintrag zur Auffassung des Internets in den Köpfen derjeniger, die es nicht so recht verstanden haben. Nun gibt es im Spiegel Online einen Artikel zu genau diesen Themen, der im Grunde jedes weitere Wort überflüssig macht. Gut geschrieben und sinnvoll argumentiert, ohne wütend zu sein. Solche Artikel braucht es, vielleicht sollte der SPIEGEL sowas mal als Titelstory aufnehmen: Das missverstandene Netz.

Neben den anderen angesprochenen Punkten ist mir einer besonders wichtig: Die Angst vor dem Personalchef, der die Partybilder aus dem StudiVZ raussucht und gegen einen verwendet. Fuck Leute, wenn ein Personalchef Privatdetektive beauftragt, die einen Blick ins Privatleben seiner Mitarbeiter werfen, wäre das Geschrei groß. Das geht gar nicht, das gehört sich nicht, das macht man nicht, was für ein kranker Kontrollfreak. Exakt das gleiche gilt doch für Informationen, die online verfügbar sind. Das ist eine Frage des Stils, ein gesellschaftliches Problem und nicht eine Frage ob online oder offline. Soweit der Artikel.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Wer sich von sowas einschüchtern lässt, sollte tatsächlich keine Infos von sich ins Netz stellen und die Vorhänge zuziehen. Die Frage ist für mich aber, warum man sich vor einem (Personal)chef bezüglich seines Privatlebens verantworten muss. Muss man nicht, denn das Privatleben geht den Chef exakt nichts an, sofern es nicht den Beruf beeinflusst. Wenn mir ein Personaler beim Vorstellungsgespräch kompromittierende Fotos oder Details aus meinem Privatleben auf den Tisch legen würde, würde ich mit der Gegenfrage antworten, ob es Usus in seiner Firma ist, in die Privatsphäre seiner Mitarbeiter einzudringen. Falls er das tatsächlich bejaht (ohne wirklich gute Gründe dafür zu nennen) und die Sache weiter im Raum steht, würde ich gehen. Ich werde nicht bei einem oder für ein Unternehmen arbeiten, dessen Unternehmensethik derart verkommen ist.

Zudem wird ein Unternehmen, dass Bewerber mit betrunkenen Partybildern im StudiVZ nicht einstellt, früher oder später ein ernsthaftes Problem mit neuen guten Leuten haben: Die meisten Leute, die ich kenne und die ich für beruflich kompetent halte, haben mehr oder weniger viel mehr oder weniger kompromittierende Informationen über sich im Netz stehen. Und der letzte Punkt: Leute, die Angst haben, dass ihr Privatleben zu Problemen mit dem Chef führt, erwecken bei mir immer den Eindruck mangelnden Selbstwertgefühls, eines negativen Weltbilds, mangelnder Authentizität oder allem zusammen. Wer nicht zu all dem steht, was er tut, sollte sein Tun vielleicht einfach mal überdenken. Oder eben einfach keine Zeugnisse davon ins Netz stellen.

Womit wir beim letzten Punkt und einem weiteren Missverständnis sind: Genau diese Wahlfreiheit ist der entscheidende Unterschied zwischen freiwilligen Angaben über sich im freien Internet und staatlicher Vollzeit-Überwachung wie der Vorratsdatenspeicherung oder dem Bundestrojaner. Komisch, dass die gleichen Leute, die hierfür mit Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten argumentieren, auch die sind, die die Jugend für ihren gefährlichen Exhibitionismus kritisieren. Das ist schon ein Widerspruch. Ich blogge und twittere viel persönliches von mir, aber eben nur die Aspekte, die ich auch veröffentlichen möchte. Dass mein komplettes Telefonie-, Mail- und Surfverhalten, sowie meine Bewegungen im Handynetz unabhängig von jeglichem Verdacht für sechs Monate gespeichert werden, ist für mich jedoch ein unerträglicher Eingriff in meine Intimsphäre. Und eine Ungleichbehandlung ist es auch: Warum gilt diese Vorratsdatenspeicherung nicht auch für Briefe? Hier wäre es doch mindestens so relevant zu wissen, wer wann und wieviel mit wem Briefe schreibt. Dass ein Staat solche Informationen nicht sammeln darf, ist eine Errungenschaft des 17. und 18. Jahrhunderts, nennt sich Postgeheimnis und wurde mir in der Schule als wichtiger Eckpfeiler einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft vermittelt. Aber für Internet und Telefon gilt nun das nicht mehr, weil? Diese Frage ist bisher nicht schlüssig beantwortet.


Möchtegern-Ökos und die bösen Stromkonzerne

15 08 2009

Wie lange schon fordern viele engagierte Bürger die Energiewende? 20 Jahre? Da wird von den bösen bösen Stromkonzernen gefordert und gefordert, dass die mehr Erneuerbare Energien nutzen und investieren, die Schweine. Zwei Dinge stören mich daran:

Erstens sind überraschend viele dieser Forderer selber immer noch Kunde bei e.on, RWE, Vattenfall und Co., was sie überhaupt nicht als Widerspruch wahrnehmen. Dabei gibt es seit Jahren alternative Anbieter, die teilweise nicht mal teurer sind. Ich bezahle bei Naturstrom wirklich brauchbare 19,80ct/kWh für echten Ökostrom, also nicht mit Zertifikaten zurechtgelabelt und mit Investitionen in eigene Anlagen bzw. Unterstützung lokaler Projekte. Das ist mein fucking Beitrag zur Energiewende. Und natürlich ist mir klar, dass nicht von heute auf morgen alle mit grünem Strom versorgt werden können. Das ist aber keine Ausrede für den Einzelnen, weiterhin Atom- und Kohlestrom zu beziehen, sei es aus Wechselfaulheit oder weil man einen Cent pro Kilowattstunde sparen will. Wer also lauthals die Energiewende fordert und gleichzeitig bei den Konzernen seinen Strom bezieht, ist nicht nur ein bisschen unglaubwürdig.

Viel bescheuerter finde ich aber, wenn die Konzerne zumindest etwas (vorgeschobenes) Engagement für Erneuerbare Energien zeigen und dann Leute Sachen sagen wie Das machen die doofen Konzerne ja jetzt nur wegen dem öffentlichen Druck. Ja natürlich, deswegen machen die das. Das ist doch genau das, was die Forderer seit 20 Jahren wollen: Ein Umdenken bei den Konzernen anstoßen. Jetzt gibt es erste kleine Pflänzchen in Sachen Umdenken und dann wird undankbar weiter gemault. Natürlich reicht das bisschen Marketing-Engagements-Gefasel der Konzerne nicht aus, aber man muss schon zeigen, dass sich grün geben Erfolg beschert. Nur so lohnt es sich für die Konzerne grüner zu werden. Sie müssen merken, dass grüner Strom Erfolg bedeutet und Atomstrom tendenziell abgelehnt wird. Wer glaubt, dass eine Energiewende alleine an der Wahlurne oder mit ein paar Transparenten auf der Straße (oder auch nur leerem Gefasel) herbeizuführen ist, ist schlicht naiv. Ohne die Abstimmung mit dem Geldbeutel wird sich nichts tun, womit ich wieder bei Punkt eins angelangt bin: Wer keinen (echten oder wenigstens Zertifikats-) Ökostom bezieht, steht der Energiewende aktiv im Weg und kann sich sein Ökogelaber sparen.

Jeder Einzelne von Euch möchtegern Ökos ist in der Pflicht. Immer voll öko quatschen und die Kinder natürlich auf der Montessori-Schule haben ist das eine, selbst ökologisch handeln eine andere. Strom sparen, Benzin und Kerosin(!) sparen, kein SUV fahren, sein Handeln ökologisch hinterfragen, das sind die Stellschrauben ökologisch verantwortungsbewusster Lebensführung. Grüne wählen alleine reicht eben nicht, wobei das natürlich immer noch besser ist als die CDU zu wählen.

P.S. Ach überhaupt diese Montessori-Eltern! Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich war selber auf einer Montessori-Schule und ich wäre auch bei den Montessori-Eltern dabei, hätte ich Kinder. Jeder einzelne ist sicher auch nett, aber gehäuft auftretend sind sie nicht zu ertragen. Hier rudelweise im Hüftgold oder im Oma Erika hocken und sich so geil finden mag ich einfach nicht. Die schlimme Wahrheit ist aber: Ich wäre genau so.


Der Staat ist zum Problem geworden - Revolution oder so

10 05 2009

In letzter Zeit reift bei mir, getrieben von und zusammen mit verschiedentlichem Input, die Idee eines neuen Generationenkonfliktes heran. Stellvertretend für all das seien hierzu mal Cem Basman und Johnny Haeusler verlinkt (die übrigens beide das Internet nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben). Wer Blogger doof findet, kann sich ja bei den Zeitungen bedienen, herausragend Lesenswertes aktuell im Tagesspiegel und in der Zeit. Das ist übrigens der Verdienst der Petition, die zwar politisch irrelevant versickern wird, aber für einen gewissen Presserummel sorgt.

Aber worum geht es mir hier? Es geht um alles, was in den letzten paar Jahren schief gelaufen ist, hier in Deutschland und anderswo. Es geht um die Mosaiksteine, die den Staat zum Problem machen für Leute wie mich, für Leute, die das Internet als zentrales Medium in ihr Leben aufgenommen haben. Es geht um das große Ganze, das sich in arg lobbyfreundlichem Urheberrecht, Vorratsdatenspeicherung, Hackerparagraph, Netzzensur, Killerspieldebatte und zuletzt der Paintball-Farce manifestiert. Es geht um einen neuen Generationenkonflikt, der ausgefochten werden muss, wie bereits die 68er und die Grüne Bewegung zuvor ihren Generationenkonflikt ausgefochten haben.

Die gute Nachricht vorab: Das ganze Ungemacht wächst sich raus. In 5, 10 oder 15 Jahren wird man Chroniken schreiben und Dokus verbreiten, in denen Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen eine zentrale Rolle spielen werden als die Antagonisten, die Leitfiguren, stellvertretend für das, wogegen wir zunehmend lauter kämpfen.

Einige haben es schon bemerkt: Wir sind die neuen 68er, wir gehen nur nicht auf die Straße mit unserem Protest. Brauchen wir auch nicht, denn wir werden gewinnen, irgendwann. Revolution? Starkes Wort, aber immer wenn der Staat zum Problem wurde, gab es etwas revolutionäres, das aus der nachwachsenden Generation emporkam. 1848 zum Beispiel, ein besonders im Hinblick auf staatliche Kontrolle zunehmend mit heute vergleichbares Szenario. Aber ich will nicht darauf hinaus, dass brennende Barrikaden das Ziel sein sollen, das ist total oldschool. Und Unruhen, die die Gesundheit von irgendjemandem bedrohen, kann niemand wollen. Wir sind Pazifisten, das haben wir von den Vorgenerationen übernommen und unser Hang zu Killerspielen ermöglicht es uns, Aggression woanders abzubauen1. Unser Instrument ist intellektueller, was eine wirklich glückliche Fügung der Geschichte ist. Denn unser Werkzeug, das Internet, hat uns erst in diese Lage versetzt und deswegen stehen wir gerade jetzt auf, wo dieses Werkzeug unserer Generation in seinen Grundfesten bedroht ist. Das freie Internet ist unsere Basis und nach unserem Verständnis von Demokratie ist dieses freie Internet das beste, was der Demokratie in den letzten Jahrzehnten passieren konnte. Staatstheoretisch gesehen zumindest, man schaue sich nur mal die lange Reihe der Staatstheoretiker und Philosophen der letzten paar hundert Jahre an und bilde deren Ideen auf das Internet ab.

Aber wie wird die Revolution dann aussehen? Wird es eine neue RAF geben? Die schlechte Nachricht ist: Es wird eine neue RAF geben, denn das ist eine natürliche Reaktion. Aber gut ist das deswegen noch lange nicht. Diese neue RAF wird immerhin (hoffentlich) kein Blut vergießen, sondern es werden Hacker sein, die sich der Computersabotage bedienen. Aber das ist doch verboten?, werden einige jetzt denken. Ja, genau deswegen ja. Diese neue RAF wird – wie die alte RAF – der Bewegung letztlich mehr schaden als nützen, weil sie die Integrität untergräbt und die Bewegung angreifbar macht. Aber sie wird auch ein wichtiger Bestandteil sein, um der Bewegung Gehör zu verschaffen. Und sie wird sich aus der Berliner Szene herauskristallisieren. Denn so global wir auch vernetzt sind, so lokal und urban sind unsere persönlichen Netzwerke. Aber genug fabuliert, vielleicht kommt es auch ganz anders. Hoffen wirs.

Denn was ist anders, als bei unseren Vorgenerationen? Die 68er haben sich gegen ihre Elterngeneration gewendet, weil die Nazis waren und weil die festgefahren waren in allerlei gesellschaftlichem Ungemach, das den Werten der nachwachsenden Generation zuwider war. Die Front aber wurde eröffnet von der nachwachsenden Generation. Heute ist es weitgehend anders herum: Mit den Alten, den Konservativen, den Festgefahrenen hätten wir erst mal kein Problem. Unsere Eltern haben uns frei erzogen und uns tolle Werte mitgegeben, die wir im großen und Ganzen mit ihnen teilen. Aber was ist dann schief gelaufen? Die Elterngeneration hat sich von sich aus gegen die Nachwachsenden gewandt. Sie haben sich bedroht gefühlt vom Internet und der plötzlichen Freiheit, derer sie nicht Herr werden, weil sie die Prinzipien nicht verstehen. Das ist ein unbehagliches Gefühl, das verstehen wir gut. Aber die Konsequenz kann nicht sein, dass ein Establishment, weil es im Lauf der technischen Fortentwicklung nicht mehr mithalten kann und will (das ist wichtig!), versucht, diese Fortentwicklung rückgängig zu machen.

Das Internet steht auch Euch offen, ehrlich. Ihr seid herzlich willkommen, Ihr müsst nur die hier herrschenden Prinzipien akzeptieren, wie wir das getan haben. Mehr nicht. Stattdessen seid Ihr gegen uns, versucht uns, die wir schon "drin" sind, wieder zurück zu holen. Aber wir wollen das nicht, wir wissen um den Wert des Netzes und werden es verteidigen, so gut wir können. Noch seid ihr am Drücker und lügt Euch Gründe für Euer Tun zusammen, um eine Mehrheit zu bekommen. Ihr ruft Euresgleichen zusammen, die Ihr noch in der Mehrheit seid, uns einzudämmen. Aber Eure Argumentation basiert auf Populismus, Übertreibung und dreisten Lügen. Das mag kurzfristig funktionieren, aber niemand lässt sich gerne manipulieren; über kurz oder lang fallt Ihr auf die Nase damit. Nicht jetzt, aber in fünf bis zehn Jahren seid Ihr raus aus dem Spiel. Die unappetitliche und zynische Instrumentalisierung des Themas Kinderpornographie für Eure Zwecke wird für Euch zum Bumerang werden, denn damit seid Ihr zu weit gegangen.

Ursprünglich hattet Ihr eine tolle nachwachsende Generation: Gesetzestreu, pflegeleicht, unpolitisch wie noch nie zuvor eine Generation war. Wir waren friedlich und haben keinen Ärger gemacht, alles hätte so leichtfüßig sein können. Aber dann habt Ihr angefangen, uns mit immer neuen Gesetzen aus der Gesetzestreue zu werfen. Wir hatten nie vor, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraden, aber plötzlich sind wir alle unter Generalverdacht, weil die Gesetze sich geändert haben, nicht wir. Es gab noch nie in der Geschichte der BRD so viele Hausdurchsuchungen aus derart nichtigen Gründen, wie in den letzten Jahren. Wir mögen die Grundrechte und die Verfassung und wir sehen mit an, wie sie tagtäglich mit Füßen getreten werden. Wir sehen, wie wöchentlich neue Unfassbarkeiten an die Öffentlichkeit dringen, die uns direkt oder indirekt betreffen. Und wir sehen, wie ahnungslos, falsch und populistisch die Argumente dafür sind. Aber jemanden fragen, der sich damit auskennt? Das wären dann ja wir und wir sind das Problem in Euren Augen.

Die Folge ist, dass wir zum Problem werden für den Staat, weil der Staat ein Problem für uns geworden ist. Der Staat schreit förmlich nach revolutionärem Handeln. Also handeln wir: Wir werden politisch. Und wie wir politisch werden! Eine Partei mit dem albernen Namen "Piratenpartei" hat immensen Zuspruch und auch Zulauf, trotz des doofen Namens. Plötzlich gehen wir alle wählen und da wählen wir alle, nur nicht Euch, liebe CDU und (in Teilen auch) SPD. Ihr werdet das jetzt wahrscheinlich noch nicht merken, dafür habt Ihr die Medien noch zu gut im Griff, dass sie Euren Populismus stützen. Aber was würde passieren, wenn sich die Hartz-4-Frustrierten mit uns zusammentun? Was würde passieren, wenn wir die Presse auf unsere Seite ziehen, gar die von uns so verhasste BILD es opportun finden würde, unsere Position zu vertreten? Unrealistisch meint Ihr? Darauf würden wir es gerne ankommen lassen.

Oder aber wir begraben die ganzen Albernheiten, kehren auf eine sachliche Ebene zurück und reden Klartext miteinander. In Sachen Kommunikation sind wir gut. Ihr müsst nur bereit sein, offen mit uns zu reden. Ist das zu viel verlangt? Wir wollen keinen Stress und keinen Streit und keinen Generationenkonflikt, wollten wir nie. Digitale Kluft wollten wir auch nicht, es ist Eure Weigerung in der digitalen Welt mitzuspielen, nicht unsere Ausgrenzung. Wer das Internet ausdruckt, denkt nun mal in die falsche Richtung; das ist aber nicht unsere Schuld, sondern basiert auf Mangelnder Bereitschaft, sich dem Neuen zu stellen. Selbst die dümmsten von uns bekommen das alles halbwegs hin, was man gemeinhin Medienkompetenz nennt und fordert, also sollte das für Euch auch kein echtes Problem darstellen. Eure Doktortitel habt Ihr bekommen, weil Ihr einer intellektuellen Elite angehört, also schaltet diesen Intellekt einfach mal ein.

1 Schon mal mit "Killerspielern" geredet? Schon mal auf einer Netzwerkparty gewesen? Schon mal Zahlen zur Kriegsdienstverweigerung unter "Killerspielern" gesucht? Die "Killerspieler, denen ich begegnet bin, leben alle in einem und suchen sich ein Umfeld, das weitgehend ohne körperliche Gewalt auskommt. Nur als Denkanstoß.

Nachtrag 02.06.2009: Im Spiegel Online erschien ein sehr sehr guter Artikel, der diesen Tenor aufgreift. Lesebefehl.


Lieblingswort des Tages: Promiskuitiv

18 12 2008

Nichts weltbewegendes zum Thema Promiskuität, aber Sexthemen werde ich in Zukunft regelmäßig hinter meinem hinlänglich bekannten Passwort verstecken. Man muss ja nicht alles in die große weite Welt schreien.


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