Einige Gedanken zur Netzneutralität

22 03 2013

Seit gestern Abend geistert die Nachricht durch meine Filterblase, dass die Telekom eine Datendrosselung bei ihren Festnetz-Internetanschlüssen plant. So wie wir das vom Mobilfunknetz kennen, also nach xxxMB im Monat wird massiv gedrosselt. Bei den Festnetztarifen ist die Rede von xxGB im Monat, was die Sache aber nur bedingt besser macht. Denn hier ist Netzneutralität massiv in Gefahr: Das Entertain-Fernsehangebot der Telekom dürfte davon nämlich nicht betroffen sein und andere Partnerangebote ebenfalls nicht (beim Mobilfunk etwa Spotify). Wer aber die angebotene Leistung wirklich nutzt, etwa für Video-on-Demand, dürfte früher oder später in die Drosslung laufen. Das ist ein heftiger Bruch mit der bisherigen Rolle als reiner Datenlieferant fürs Internet und fällt bei den Kunden hoffentlich komplett durch. Mal abwarten, aber vorab schon mal einige Gedanken dazu.

Was wäre, wenn die Drosslung nur für die in Deutschland auffallend günstigen Billigangebote greifen würde, in den teuren Tarifen jedoch nicht? Wenn ich als Kunde die Wahl habe zwischen einem Billigtarif mit eingeschränktem Volumen und für 10€ mehr im Monat bekomme ich bei sonst gleicher Leistung einen Tarif ohne jede Drosselung, dann sehe ich da kein echtes Problem. Das Problem entsteht dann, wenn das eben nicht nur 10€ im Monat sind, sondern früher oder später deutlich mehr. Aber das sind ungelegte Eier. Wenn die Gerüchte zur Telekom stimmen, dann wird es keine unbeschränkten Tarife mehr geben. Das wiederum ist ein Problem und eine klare Aufgabe für uns Netzauskenner, die wir von unseren Bekannten gefragt werden, welches Internet man in der neuen Wohnung denn so buchen soll. Die klare Anweisung muss in dem Fall lauten: Keinesfalls ein Tarif mit Datendrossel oder Bevorzugung irgendwelcher Partnerangebote.

Ich befürchte aber, dass der Markt hier wie so oft nicht funktionieren wird und früher oder später alle Provider nur noch beschränkte "Flatrates" anbieten werden. Die Frage ist: Was passiert dann mit den Powerusern? Wenn die nicht mal mehr für einen moderaten Aufpreis ihren Datenbedarf gedeckt bekommen? So weit darf es nicht kommen, also ist hier der Gesetzgeber gefragt. Bei der aktuellen netzpolitischen Lage, die meinen Blick in die Zukunft wirklich zutiefst verdüstert, ist von der Seite auch keine Hilfe zu erwarten. Und dann? Haben wir verloren? Ich befürchte ja. Wir sind auf eine privatwirtschaftliche Zugänglichmachung des Internets angewiesen und nach der klaren politischen Absage an die Netzneutralität wird es früher oder später so kommen. Egal, was wir Konsumenten machen. Im Mobilfunk ist es auch so gekommen: Für wirklich wirklich viel Geld, bekommt man hierzulande maximal 10GB im Monat über Mobilfunk und O2 besitzt die Dreistigkeit, mit einem Tarif mit 50MB für 20€ im Monat an den Start zu gehen. 50MB! In einem 20€ Tarif, der gezielt für die Datennutzung beworben wird! Im Jahr 2013! Es gibt keinen Anbieter, der zu einem realistischen Preis einen für Poweruser wirklich tauglichen Mobilfunktarif anbietet, soviel zum Thema Markt. In England ist die Drosslung von Powerusern übrigens bereits üblich. Die Regeln bei Virgin habe ich aber nicht verstanden, als ich da war, total kompliziert. Die dienen scheinbar auch nur dazu, zu Stoßzeiten die Torrentnutzer stufenweise und auch nur für den Moment zu bremsen, man muss da also keine Angst haben, für den Rest des Monats 30 Sekunden auf jede Website warten zu müssen. Da könnte ich mit leben, auch wenn das blöd genug ist. Andererseits ist eine Solidargemeinschaft immer blöd für die, die die Poweruser mittragen müssen. Das ist etwa auch beim Straßenbau so. Nur so als Beispiel: Eine Gemeinde muss eine Zufahrtsstraße viel häufiger erneuern, wenn am Ende der Straße eine Firma sitzt, die ständig mit schweren LKWs beliefert wird. Würden nur die normalen Anwohner die Straße benutzen, müsste sie fast nie grundlegend erneuert werden. Wie wird das in der Realität (zumindest theoretisch) aufgelöst? Indem die Firma über die gezahlte Gewerbesteuer die Straßenreparaturkosten maßgeblich finanziert. Das ist in der Praxis leider viel zu häufig anders und sozial sehr sehr unfair gelöst (Stichwort Straßenbaubeitrag, da geht einem das Messer in der Hose auf), aber zumindest theoretisch ist daran nichts auszusetzen

Also noch mal: Wenn es dazu kommt, dass die Telekom nur noch angebliche Flatrates mit Drosselung ab einem bestimmten monatlichen Volumen einführt, ist es unsere Aufgabe, unsere Freunde und Bekannten davon abzuhalten, so einen Tarif zu buchen. Punkt. Wenn wir das versäumen, verlieren wir alle. Für die Nicht-Poweruser wird es dann erst mal billiger, aber niemand garantiert denen, dass sie die nächste Einschränkung nicht auch hart trifft.

P.S. Übrigens hat die Telekom so eine Drossel schon eine Weile in den AGB stehen. Bisher sind Entertain-Anschlüsse davon ausgenommen, aber bei einem VDSL-50-Anschluss ist sonst nach 200GB Schluss mit Speed, bei VDSL-25 sogar schon nach 100GB. Keine Ahnung, wieso das jetzt plötzlich so ein großes Thema wird. Davon abgesehen: Mit 200GB komme ich im Grunde immer (manchmal auch nur knapp) klar. Würde ich aber nicht mehr, wenn ich HD-Videostreaming ernsthaft nutzen würde. Aber ich habe sowieso Entertain und bin noch raus aus der Nummer. Ich wäre auch nicht bei der Telekom, wäre das anders.


Coolness-Arbritrage

03 03 2013

Neulich hing am Zugang zum Hermannplatz eine durchsichtige Kiste, deren eingebrannte Aufschrift auf ihrer hölzernen Abdeckung fast vollständig zugeschneit war. Was man lesen konnte, war etwas von Kunsthochschule. Drin befand sich allerlei Zeugs: Eine Apfelkitsche, Müll und so weiter. Ich ging daran vorbei und begann beim Anstehen am Gemüsestand darüber nachzudenken. Offensichtlich hat ein Kunststudent diese Kiste dort angebracht, als Projekt, wahrscheinlich mit der Bitte, etwas nicht weiter definiertes in der Kiste zu werfen. Gegenüber ist eine Hauptschule, es war also damit zu rechnen, dass sich dort eher kein Geldkoffer einfinden würde, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens eine Apfelkitsche und etwas Müll – Teenager sind so vorhersehbar.

Nun nahm ich einfach mal an, dass die Schüler, die den Müll dort wahrscheinlich eingeworfen hatten, dies in der für Teenager typischen naiven Annahme taten, die Kiste zu missbrauchen bzw. in einem dem Ansehen innerhalb ihrer Bezugsgruppe zuträglichen Sinne zweckzuentfremden. Dass sie damit genau das in Wirklichkeit nicht taten, sondern wohl (wiederum meine Annahme) dem Künstler genau in die Hände spielten, ist für sie dabei unerheblich. Eine schöne Win-Win-Situation. Ein drittes Win kommt – nebenbei bemerkt – in meinen Augen hinzu, wenn eher konservativ eingestellte Passanten dies ebenfalls missverstehen und sich über die destruktive Jugend ärgern und damit ironischerweise sogar irgendwie Recht haben, denn so war es ja auch gemeint.

Egal, darauf wollte ich nicht hinaus, sondern auf meinen Gedankengang, der mich später am Tag beschäftigte und der mich auf eine interessante Begrifflichkeit brachte: Die Coolness-Abritrage. Für Menschen, denen die Qual eines Wirtschaftsstudiums erspart geblieben ist:

Arbitrage (von französisch arbitrage, von lat. arbitratus „Gutdünken, freie Wahl, freies Ermessen“) bezeichnet das Ausnutzen von Preisunterschieden für gleiche Waren auf verschiedenen Märkten.

Infolge der ausgleichenden Wirkung der Arbitrage passen sich die Preise in verschiedenen Märkten einander an; dieser Vorteil existiert in der Regel nur eine bestimmte Zeit lang.

Wikipedia

Coolness-Arbitrage ist also ein Konzept, bei dem jemand die Unkenntnis seines Publikums über irgendwie geartet coole Ideen nutzt, um selbst Coolness-Punkte abzuräumen, ohne echte eigene Ideen zu haben. Das ist ein Prozess, der ständig und überall passiert, denn coole, witzige, neue, frische Ideen sind begrenzt und der Markt dafür zerfasert und unübersichtlich. Wir kennen alle die Leute, die uns früher lustige Kettenmails weitergeleitet haben. Das war eine simple Form des Konzepts, denn a) war es offensichtlich, dass die Witze oder Bilder nicht von den Personen selbst erdacht oder gesammelt wurden und b) war die Schöpfungshöhe auch meistens nicht so wahnsinnig hoch. Trotzdem kam es selten vor, dass man eine dieser Mails ein zweites Mal bekam. Ein etwas jüngeres Beispiel sind die Giveboxen. Wann immer jemand in einem Stadtteil so eine Givebox aufstellt, die ganz und gar nicht seine Idee ist, erntet er dennoch Anerkennung von den meisten Leuten im Stadtteil, denn für die ist die Idee komplett neu, leuchtet ein und ist frisch, frech und hip. Damit ist der Aufsteller für diese eben auch frisch, frech, hip und hatte eine gute Idee. Da muss ich sofort an die oben beschriebene Arbitrage denken, denn der Gewinn für denjenigen speist sich einzig und allein daraus, dass er eine Idee von einem Markt entnimmt und im einem anderen Markt einführt, der auf den ursprünglichen Markt keinen direkten Zugriff hat. Der Coolnessgewinn ist also eine Folge der Kenntnis von und der (zumindest konsumierenden) Präsenz auf fremden Märkten. Coolness-Anerkennung einer Bezugsgruppe basiert also in den weitaus meisten Fällen auf mangelnder Markttransparenz und dem Arbeits- und Zeitinvestment der coolen Person, sich mit coolen Ideen auf anderen Märkten auseinanderzusetzen.

Das ist an sich wenig überraschend, aber so konkret habe ich tatsächlich noch nicht darüber nachgedacht. In diesem Internet gibt es eine menge Orte, an denen man sich frische Ideen besorgen kann und diese Jagtgründe sind weit genug, dass es ein Leichtes ist, selbst in der hipsten Bezugsgruppe noch unbekannte Ideen einzubringen. Und noch ein Aspekt spielt denjenigen in die Hände, die von der Coolness-Arbitrage profitieren möchten: Es gibt – wahrscheinlich gruppendynamisch bedingt – oft nur einen schmalen Übergangsbereich zwischen der Neuheit einer eingeführten Idee und der Umwandlung einer witzigen oder überraschenden Idee in ein Mem, das angemessen zu bedienen ebenfalls keine allzu großen Hürden für die Kreativität darstellt. Man muss also nur aufpassen, dass man nicht in diese kleine Lücke fällt oder den Bogen überspannt. Das ist mit ein wenig Einfühlungsvermögen leicht zu verhindern.

Worauf will ich nun hinaus? Dass man kein Künstler sein muss und auch nicht sonderlich kreativ, um mit coolen Ideen zu überraschen? Ja, das vielleicht auch. Aber eigentlich bin ich gedanklich nur weiter der Entstehung von Coolness auf der Spur, eine Sache, die mich schon mein Leben lang beschäftigt. Die Ausformulierung des Konzepts der Coolness-Arbitrage ist dabei nur ein weiterer Begrenzungspfahl auf dem Weg zur Erkenntnis.

P.S. Wie war da eigentlich vor diesem Internet? Also bevor Tumblr, Twitter, 4Chan und Co. uns täglich reihenweise frische Anregungen auf den Bildschirm zauberten? Gab es früher mangels externer Inspiration absolut gesehen mehr originäre Coolness? Ich vermute mal eher nicht, warum auch? Gab es insgesamt weniger Coolness? Weniger von dieser kurzlebigen Hipster-Coolness bestimmt. Hielt Coolness länger? Musste sie dann wohl. Hält originäre Coolness allgemein länger, weil Arbitrage-Möglichkeiten immer nur begrenzt lange halten? Ich vermute mal stark ja. Ist das wieder so eine Long-Tail-Sache? Ich vermute mal stark ja. Ich habe den Eindruck, dass Coolness-Trends früher viel Mainstreamiger waren und viel mehr Leute beeinflusste. Heute ist das scheinbar viel ausdifferenzierter. Fällt es dadurch leichter, dass Coolness-Anerkennung auch zwischen stark unterschiedlichen Bezugsgruppen fließt? Ich behaupte mal, genau das ist der Zeitgeist der Dekade: Individuelle Authentizität ist Trumpf und mehr Wert als Mainstream-Konformität. Früher hatten Punks die Hippies doof zu finden. Heute ist das viel versöhnlicher und von mehr Respekt geprägt, nehme zumindest ich so wahr. Wer wissen will, was da mein Bild prägt, untersuche mal intensiv etwa die zumindest in der ersten Staffel großartige Serie Girls auf diesen Aspekt hin genauer. Wenn ich mich recht erinnere, ist auch das wegen Plagiatsvorwürfen etwas zu Unrecht in Verruf geratene Buch Axolotl Roadkill von Helene Hegemann ein interessantes Indiz in dieser Richtung. Sollte man gelesen/gehört haben. Diese Plagiatssache ist eine ebenfalls interessante Ausprägung des Coolness-Arbitrage-Konzepts, fällt mir gerade auf.


Eine wichtige Lektion mit Papierstreifen

12 09 2012

In der Grundschule, es wird die erste Klasse gewesen sein, gab es mal interessante Mathe-Hausaufgaben: Klebt Papierstreifen bestimmter Längen zusammen. Die Längen sollten wir uns dabei selber aussuchen, das Bett, ein Auto, die Küchenzeile, was uns halt so begegnet, was sich messen lässt. Eine feine Aufgabe und weil ich offenbar das Streber-Gen habe, wollte ich es besonders gut machen. Das Auto meiner Eltern war ein brauner Alfa-Romeo Guilietta, der genau so alt war wie ich. Laut Handbuch war der 4210 mm lang. Rückblickend frage ich mich, ob ich selber darauf gekommen bin, im Handbuch nachzusehen, Handbücher mit technischen Daten mochte ich schon seit ich denken kann. Oder ob da einer meiner Brüder einen guten Tipp für mich hatte. Egal, jedenfalls bastelte ich mit Akribie, das kann ich auch schon immer gut, einen Papierstreifen dieser Länge, den ich aufrollte und stolz mit zur Schule nahm. Vielleicht habe ich auch, weil ja offensichtlich nicht alle Autos gleich lang sind, einen genau 4m langen Streifen gebastelt, so genau weiß ich das nicht mehr. Vielleicht habe ich auch erst hinterher ins Handbuch geschaut. Ist im Grunde auch egal, ich wusste jedenfalls sehr genu, wie lang Autos sind.

Ich präsentierte jedenfalls stolz meinen Streifen, akkurat vermessen, Länge gut gewählt weil unpraktisch lang und länger als die Faulpelz-Streifen meiner Mitschüler/innen. Doch dann? Kein Lob? Stattdessen eine ungläubige Nachfrage, ob das denn hinkomme, 4m wären ganz schön viel, auch für ein Auto. Ob meine Eltern denn einen Transporter oder sowas hätten. Verunsicherung, viel davon, Stammelei, wir erinnern uns, erste Klasse. Jaja, dann hätten meine Eltern wohl einen besonders großen Wagen. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie mir trotzdem nicht geglaubt hat.

Doch wo ist die Lehre? Meine unsouveräne Stammelei hätte ich mir total sparen können. Ich wusste genau, wie lang Autos sind, kannte die Längen verschiedener Autos aus Autoquartetten auf den Millimeter. Trotzdem hat mich diese blöde und total uninformierte kritische Nachfrage einer Respektsperson so sehr verunsichert, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Darüber ärgere ich mich in der Tat noch heute immer mal wieder, denn es ist typisch für mich. Dieser Verlust meiner mir so wichtigen Souveränität ausgerechnet in Situationen, in denen ich eigentlich fest im Sattel sitzen sollte, passiert mir immer mal wieder. Ein souveräner Erstklässler hätte geantwortet: Selbstverständlich sind Autos 4m lang, viele kürzer, viele aber auch länger, 4m sind also ein guter Schätzwert für so ein Auto an sich! Und dazu gedacht: Sie haben ja gar keine Ahnung!) Oder aber: Das Auto meiner Eltern ist ein Alfa Romeo Giulietta, der ist sogar 4210 mm lang, was übrigens im Handbuch steht, denn mit meinen Mitteln wäre das schwer präzise zu messen gewesen. Stattdessen nehme ich ihren gesichtswahrenden Ausweg an, meine Eltern würden einen Transporter fahren. Das ist aber a) glatt gelogen und b) unglaublich erniedrigend für mich. Meine Lehre daraus: Sowas sollte man bleiben lassen und immer, auch und gerade bei Respektspersonen, die Möglichkeit im Sinn behalten, dass kritische Nachfragen schlicht unberechtigt und für den Fragenden eher dumm und/oder peinlich sind. Machen Sie sich nicht lächerlich! wäre die eigentlich angemessene Antwort auf solche blöden Anzweifelungen, aber das wäre eine Spur zu aggressiv.


Ein Lobgesang auf das neue Carsharing

09 09 2012

In Düsseldorf gibt es seit einiger Zeit zwei konkurrierende neue Carsharing-Dienste: car2go von Mercedes und Europcar und DriveNow von BMW und Sixt. Beide verfolgen das gleiche, großartige Konzept, bis zum Ende des Jahres haben beide auch gleich viele Autos und kosten neuerdings auch das gleiche.

Das Prinzip ist schnell umrissen: Im Geschäftsgebiet stehen überall Autos herum, die man auf der Straße sieht oder mit einer Smartphone-App lokalisiert (und dort direkt für 15 Minuten reservieren kann). Dann hält man seine Mitgliedskarte vor das Lesegerät, die Türen öffnen sich, man gibt seine PIN in den Bordcomputer ein und kann einfach losfahren. Nun läuft die Uhr: 29ct/min kostet der Spaß, angemessen viele Kilometer pro Mietvorgang sind inklusive, wenn man mit der Tankkarte aus dem Fahrzeug tanken muss/darf, bekommt man satt Freiminuten gutgeschrieben. Ist man am Ziel, das innerhalb des Geschäftsgebiets sein muss, stellt man den Wagen irgendwo (legal) ab, beendet die Miete am Bordcomputer und hält wieder seine Karte ans Lesegerät. Der Trick ist, dass man von der Stadt bewirtschafteten Parkraum nicht bezahlen braucht und auch das ein oder andere Parkhaus für lau benutzen kann. Das wars schon, eine Grundgebühr fällt nicht an. Man hat also einfach beide Mitgliedskarten dabei und beide Apps auf dem Telefon und kann die volle Flexibilität genießen. Obwohl ich mein eigenes Auto hier rumstehen habe, fahre ich ziemlich häufig mit den Mietkarren, weil es unglaublich praktisch für One-Way-Fahrten ist.

Das ist aber noch nicht alles, das Special-Feature kommt erst noch: car2go hat beeindruckend rumpelige Smarts mit unglaublich nervig schaltendem Automatikgetriebe. Das ist zweckmäßig, aber Fahrspaß kommt nicht auf. Zudem mehren sich die Stimmen, dass der Service bei car2go schlecht und wenig kulant ist, Thomas Knüwer hat deswegen car2go bereits abgeschworen. Bisher war car2go mit 26ct/min merklich günstiger als DriveNow, aber neuerdings kosten beide 29ct/min, klarer Vorteil für DriveNow. Deren Geschäftsgebiet ist zwar immer noch kleiner und sie haben weniger Fahrzeuge, aber beides wird sich noch dieses Jahr deutlich entspannen, DriveNow möchte bis Ende 2012 ebenfalls 300 Fahrzeuge in Düsseldorf am Start haben und das Geschäftsgebiet wird auch sukzessive ausgebaut. Warum DriveNow trotzdem schon jetzt im klaren Vorteil ist? Besserer Service? Mag sein, kann ich nicht beurteilen, Probleme hatte ich bisher mit beiden nicht. Nein, viel offensichtlicher: DriveNow hat coole Fahrzeuge, mit denen man gerne fährt. Mini Cooper, Mini Clubman, Mini Cabrio, 1er BMW und demnächst auch BMW X1. Mit knackigem Schaltgetriebe, ordentlich Wumms unter der Haube, guter Ausstattung und hey: Cabrios! Da gebe ich gerne mal bei gutem Wetter 15€ für zwei mal 25 Minuten Fahrt nach Lörick und zurück aus.

Ich bin beeindruckt, was für eine Flexibilität dieses moderne Überall-Carsharing ins urbane Leben bringt, hätte ich echt nicht gedacht. Ein Beispiel gefällig? Wir sind zu zweit, haben aber nur ein Ticket 2000. Wollen wir etwa zum Kaufhof fahren, würde eine Stempelung eines 4er-Tickets für die Bahn etwa 2,20€ kosten. Nehmen wir ein car2go, sind wir in 5 Minuten da, bezahlen 1,45€ und können im Kaufhof-Parkhaus auf extra reservierten Premium-Parkplätzen parken. Behindertenparkplätze, car2go-Parkplätze, Frauenparkplätze, Männerparkplätze; in der Reihenfolge. Anderes Beispiel? Ganz schnell irgendwo hin, man weiß aber nicht, wie lange man da bleiben wird: DriveNow aus der Straße schnappen, auch mitten in der Nacht, vor dem Ziel abgestellt und rein. Kein Auto im Hinterkopf, dessen Parkschein abläuft, kein Warten auf ein Taxi und dabei auch noch viel billiger. Für mich ist das eine perfekte Ergänzung zur Mobilität im ÖPNV. Hoffen wir mal, dass die Rheinbahn bald das versprochene Kombi-Upgrade zum Aboticket, das man eh schon hat, an den Start bringt. Bisher gibt es ein Kombi-Ticket, das aber sehr unflexibel gestaltet ist und deswegen, wie man liest, quasi gar nicht nachgefragt wird.

Zu den Kosten: Wenn man mal ausrechnet, was ein eigenes Auto insgesamt kostet (Anschaffung, Wartung, Versicherung, Tanken/Aufladen), kann man schon viel viel Carsharing machen, bevor das teurer wird: 60€ für ein Monatsticket für die eigene Stadt, 120€ für zwei Tage richtiges Auto mieten für längere Fahrten, da kann man dann noch für mehrere hundert Euro pro Monat Kurzstreckenfahrten ergänzend zum ÖPNV machen, bis ein eigenes Auto billiger wird. Und dann sind da noch die Parkgebühren. Schaffe ich jetzt mein eigenes Auto ab? Nö, natürlich nicht. Das ist abbezahlt und manchmal muss ich schon mal die Stadt verlassen, das ist die Achillesverse der neuen Carsharing-Angebote. Vielleicht wäre das besser, wenn man ergänzend ein klassisches Carsharing mit Mietstationen nutzt? Wäre mal ein Modell, das es zu durchdenken gibt, bevor man ein neues Auto in der Stadt anschafft. Der Ökoaspekt spielt da natürlich auch mit, den habe ich jetzt aber mal außen vor gelassen. Klar bleibt für mich: Wo es nicht total nervt, wird Fahrrad oder Bus und Bahn gefahren. Aus Kostengründen, aus Ökogründen, aus Lifestylegründen, weil ich alle 14 Tage eine c't durchlesen muss, weil Bewegung gut ist, weil ich mir gerne die anderen Menschen im Nahverkehr angucke.


Erleichterung: Kommentarfunktion deaktiviert

08 09 2012

Vor ein paar Wochen kam in der Blogger-Szene die Diskussion auf, ob die Kommentarfunktion als gescheitert anzusehen ist, weil die Kommentarkultur untergegangen ist. Losgetreten hat das, wenn ich das richtig sehe, netzpolitik.org mit dem Beitrag "Einfach mal die Kommentare schließen?". Für mein Blog lautet die Antwort ganz klar ja und nein, denn eine echte Kommentarkultur hat es hier noch nie gegeben (ich hatte schon immer weniger Kommentare als Beiträge). Aber selbst die wenigen Kommentare, die reingekommen sind, sind von eher durchwachsener Qualität. Da gibt es die einen, die dieses Blog für ein Supportforum halten und einfach mal irgendwelche lose mit dem Thema des Beitrags zusammenhängende Fragen in den Raum stellen. Dann gibt es die, die einfach irgendeine Hirnscheiße abladen wollen. Dann wiederum gibt es Leute, die den jeweiligen Beitrag intellektuell nicht ganz durchdrungen haben und meinen, mir in irgendwelchen Einzelaspekten widersprechen zu müssen, um die es in dem Eintrag eigentlich gar nicht wirklich ging oder die – noch besser – in gar keinem Widerspruch stehen, wenn man meinen Gedankengang zu Ende verfolgt hätte. Und dann ist da noch der Spam, momentan habe ich (trotz re:Captcha) wieder 10 Spamkommentare pro Tag am Bein, die ich alle anschauen und löschen muss. Und dann kommt gefühlt pro Jahr ein einziger wertvoller Kommentar rein, der die Welt nach vorne bringt. Um die ist es sehr sehr schade, aber deren Anteil ist so gering, dass sich ein Weiterbetrieb der Kommentarfunktion einfach nicht lohnt. Mir geht das alles sowas von auf den Sack. Es ist nicht, dass ich keinen angemessenen Widerspruch hören möchte oder so, aber ich möchte auch keinen allzu tiefen Blick in die Dummheit mancher Leute wagen. Und leider passiert genau das häufiger, als dass Kommentare ein Quell von Inspiration sind. Also weg damit. Eine große Erleichterung.

Wer mir Feedback geben will, kann das weiterhin über genug andere Kanäle tun.

Grundsätzlich lese ich übrigens auch anderswo keine Kommentare (mehr). In Online-Presseerzeugnissen schon mal gar nicht, da herrscht eine unerträgliche Mischung aus Dummheit, Stammtisch, Trollerei und Hetze vor (passend dazu dieser Artikel im Postillon). Aber auch in Blogs kann ich Kommentare nicht mehr ertragen, es scheint so, als wäre tatsächlich die Kommentarkultur untergegangen und alle Kommentatoren, die wertvolles beizutragen hatten, sich voller Ekel abgewendet hätten. Übrig sind nur noch Trolle, Hetzer und Idioten geblieben. Das ist je nach Blog mal schlimmer, mal weniger schlimm, aber Kommentarkultur habe ich lange nicht mehr gesehen. Schade eigentlich.


Die Pornografie-Inflation, der Long-Tail und die Wertschätzung

09 06 2012

Was war das früher für ein Akt, sich Aktbilder zu beschaffen. Man könnte glatt auf den Gedanken kommen, der Begriff Aktbild komme vom dem zur Beschaffung nötigen Akt. Wer älter als sagen wir mal 25 bis 30 ist, wird sich noch gut daran erinnern, wo er (oder auch sie, immer mitdenken!) sich vor dem Internet seine Anregungen geholt hat:

  • Sexshops, schmuddelig und scharf bewacht, dafür echte Pornoheftchen, so mit alles und so. Teuer und verwegen. Wer minderjährig an solche Großartigkeiten gekommen ist, konnte sich wie ein König fühlen. An Autobahntanken und generell überall dort, wo sich Trucker und andere einsame Männer üblicherweise rumtreiben, bekam und bekommt man sowas auch, darf man nicht vergessen.
  • Videotheken: Professionelle Pornografie, irre. Die Videotheken, die ich noch kenne, hatten alle mindestens doppelt so viel Regalplatz für Pornografie, als für normale Filmwerke. Das scheint die Hauptquelle für Pornografie gewesen zu sein, aber ich bin erst 30 und damit zu jung: Als ich endlich volljährig war und da rein dürfte, war ich durch das Internet schon lange gut versorgt. Ich weiß nur, dass diese Filme von zumeist haarsträubender Qualität waren und gerade der Special-Interest-Bereich ein gewisses Long-Tail-Dilemma hatte: Wegen der riesigen Bandbreite der teilweise recht abwegigen Vorlieben, gab es auch in gut sortierten Videotheken für jeden Special-Interest-Bereich nur eine sehr begrenzte Auswahl von vielleicht 5-50 Titeln, die der geneigte Leiher bald durch hatte und die vor allem in ihrem Sub-Sub-Sub-Genre wiederum einem gewissen Mainstream entsprechen mussten. Davon abgesehen musste man schon von der selbstbewussten Sorte Mensch sein, um der Videothekenfachkraft bei den wenig zweideutigen Titeln noch in die Augen sehen zu können.
  • Amateurpornografie, also alles, was echte Leute zeigt statt professioneller Models, fand fast ausschließlich in Kontaktanzeigenheften wie Happy-Weekend statt. Irre, was mit einem passiert, wenn man mit 14 oder 15 das erste mal in so ein Heft schaut und sich einem die ganze abgefahrene Welt der Swinger unverhofft mit voller Breitseite präsentiert. Das ist etwas, wo das Internet klar die Heftigkeit rausnimmt und durch eine sukzessive Heranführung im allemal verdaulicheren Tempo ersetzt. Schade eigentlich, so ein Porno-Kulturschock ist für den einen oder anderen sicher eine großartige Erinnerung.
  • Und sonst? Neben echter Pornografie gab es früher viel mehr als heute diese Schmuddelhefte wie Coupé und wie sie alle hießen. Die waren im normalen Zeitschriftenhandel erhältlich, freilich ganz oben im Regal, dafür zahlreich vorhanden. Ich habe es nie ausprobiert (= nie getraut), aber bei den liberalen Büdchenbetreibern, bei denen 10-Jährige ohne große Probleme "für Papa" Bier und Kippen bekamen, hätte man sicher auch solche Hefte beschaffen können. Ich war da mehr so der Altpapiercontainerwühler. In Düsseldorf gibt es noch heute in den meisten Stadtteilen große Altpapiercontainer, durch deren große Öffnungen man als Kind gut reinklettern kann. Eine tolle Spielgelegenheit und (sehr) gelegentlich winkte fette Beute: Playboy, Coupé, St. Pauli Nachrichten, Lust auf Reife Dicke, was auch immer, als Kind ist man nicht wählerisch. Mancher hatte auch große Brüder oder verdorbene Eltern, die sich als gute Quelle eigneten.
  • Nicht zu vergessen, gerade für die Damen, gab es auch in der Stadtbücherei mehr oder weniger verwegen-erotische Literatur. Ausgeliehen hätte man sie sich wohl eher nicht, aber es hat einen keiner daran gehindert, sowas verschämt zwischen den Regalen oder in einer Leseecke zu konsumieren.

Man sieht schon, meine Betrachtungen sind klar von der Sicht eines Minderjährigen dominiert. Darauf möchte ich auch hinaus, denn all diese Wege sind durch das Internet weitgehend obsolet geworden. Im Internet bekommt jeder, auch der interessierte Spätgrundschüler, so viel Porn, wie er haben will und so abgefahren, wie er vertragen kann. Grundsätzlich finde ich das erfreulich, was hätte ich damals dafür gegeben! Es ist aber auch bisschen schade, denn dadurch geht die Wertschätzung der einzelnen Werke fast völlig flöten. Was haben wir die Diskette mit den 27 krassen Bildern, die irgendwann in der Klasse herumging, wertgeschätzt! Jedes einzelne Bild davon haben wir unzählige male bestaunt. Irgendwann kursierten Tipps, welche Programme mit erstaunlichen Interpolationsleistungen man für noch genauere Blicke verwenden konnte. Krass, ganz vergessen gehabt. Auch erbeutete Hefte aus dem Altpapier gingen rum, wurden in Schubladen oder unter Matrazen als Kleinode gehortet, gehegt und gepflegt. Wer eine Quelle für Material war, konnte sich eines gewissen sozialen Status sicher sein. Und dann, bam, zog das Internet ein in unsere Häuser. Dass das DIE ultimative Porn-Quelle ist und sein wird, war jedem normalen pubertierenden Jungen nach spätestens einem Abend alleine vor diesem Internet glasklar. Der heilige Gral war gefunden.

Das beste an diesem Internet war, dass man plötzlich, je nach Erfahrung und betriebenem Aufwand, mehr oder weniger wahlfrei nach persönlichem Interesse auf Material zugreifen konnte, zudem kostenlos. Ich behaupte mal ganz frech, dass sicher ein maßgeblicher Anteil der Internet-Medienkompetenz (zumindest meines Jahrgangs) auf den Skillvorgang in Sachen Porn-Beschaffung zurückzuführen ist. OK, Musik, Filme, Software und so haben sicher auch ihren ebenso maßgeblichen Anteil daran, aber da ist das Prinzip ja das gleiche.

Rückblickend ist klar, was dann passieren musste: Da man unterversorgt ist und Onlinezeit teuer und Ladezeiten signifikant, fängt man erst mal an, alles zu sammeln, was einem auf den Bildschirm kommt. In Schritt 2 bildet man erste Interessen aus und speichert nur noch, was diesen halbwegs entspricht. Dabei sichtet und verwirft man relativ viel und eignet sich eine effiziente Jagtstrategie an. Als Abzweig konzentriert man sich auf den Mainstream, das ist die faule Lösung, bei der viele aus verschiedenen Gründen ihr Leben lang bleiben. In Schritt 3 gelangt man viel später, wenn sich die Interessen gefestigt haben, man einen stattlichen Fundus auf der Platte oder auf CDs gebannt hat und merkt, dass man das meiste davon schon seit Jahren nicht angesehen hat. Hier setzt sich die Erkenntnis durch, dass man nicht alles Hamstern muss, weil es offenbar immer genug Stoff geben wird. Offenbar ist man pornofett geworden. Nach einer meistens radikalen Diät, bei der man das meiste einfach ungesehen entsorgt, speichert man nur noch selten und schaut überhaupt nur noch selten irgendwas mehrmals an. Man lässt sich treiben, kennt seine Wasserstellen, eine Menge weniger interessantes Zeugs fliegt vorbei und nur noch selten hält man kurz inne, weil einem etwas ins Auge sticht. Das speichert man nur, wenn es einem wirklich gefällt. Diese Pornosammlung zweiter Generation enthält nur noch sehr spezifischen, für gut befundenen Stoff und sollte je nach Interessentiefe, Offenheit im Umgang damit und Lebensumständen vielleicht besser in verschlüsselten Containern aufbewahrt werden. Nebenbei erwähnt.

Wir haben es hier mit einem klassischen Long-Tail-Markt zu tun: Die Interessen sind so spezifisch, dass es schon ein Internet braucht, um sie gewinnbringend zu bedienen. Natürlich bedingt sich das gegenseitig: Das Internet ist durch sein überbordendes Angebot in aller erster Linie Schuld daran, das unsere Porno-Interessen sich so diversifiziert und spezialisiert haben. Ich glaube, das ist insgesamt gut, denn Maßporn ist immer besser als solcher von der Stange. Allerdings wirft das Probleme im Hinblick auf die Suche nach einem sexualpraktisch erfüllenden Partner fürs echte Leben auf. Sicher ein Grund für die Floration der Bumsbörsen in der Partnersuche: Erst die Vorlieben klar machen und dann näher kennenlernen ist eine gute Idee, wenn man Wert auf bestimmte Sexualpraktiken legt oder sich gar einen echten Fetisch herbeigezaubert hat.

Zurück zur Wertschätzung: Es fliegt also irgendwann auf der Suche nach dem individuellen Qualitätsporn so viel Zeug an einem vorbei, dass man einerseits ziemlich abstumpft und andererseits auch völlig die Detailverliebtheit vergangener Tage verliert. Ich finde das schade und prangere das an! Das Abstumpfen ist an sich nicht schlecht, verhindert es doch, dass man von jedem dahergelaufenen Busenschlitz, wohlgeformten Bein oder was auch immer man für Schlüsselreize hat, angeregt wird. Mithin kommt man also deutlich entspannter durch den Alltag und geht vor allem Frauen weniger auf die Nerven. So wenig übrigens, dass ich von Frauen schon häufiger die Klage gehört habe, dass man gar nicht mehr angesprochen wird oder Komplimente bekommt. Die meisten Frauen sind da sicher grundsätzlich froh drüber, aber wenn einen scheinbar nicht mal mehr die Richtigen attraktiv finden, fühlt man sich schnell… naja, wie jeder normale Mann auch. Denen ging es nämlich nie anders. Fluch und Segen.

Um die Detailverliebtheit ist es aber wirklich schade. Irgendwer produziert den Porn und will entweder Geld oder Anerkennung dafür haben. Wenn man aber gleichgültig an 99,5% vorbeiscrollt, fließt weder das eine noch das andere. Das ist bei Geld schwerwiegender als bei der Anerkennung, denn die kann man sich auch einfach denken oder aus den wenigen bis erschlagenden Rückmeldungen extrapolieren. Und so verwundert der Trend weg von der Profipornografie hin zu Amateurmaterial auch aus dieser Denke heraus nicht. Mit Porn wurde immer verdammt viel Geld erwirtschaftet, Porn war immer schon ein teures Gut. Plötzlich bricht ein großer Teil davon weg, weil signifikant viele Leute lieber oder zumindest gerne genug kostenlosen bzw. billigen Amateurporn konsumieren. Bam, Revolution. Trotzdem interessant, dass die Standardpreise für Bezahlseiten nicht gefallen sind: 30$ für einen Monat ist seit jeher der übliche Preis und dafür bekommt man anderswo so viel mehr. Offenbar geht das noch gut genug. Mein herbeigeredetes Wertschätzungsdefizit ist vielleicht gar nicht so signifikant, wer weiß? Ob es dazu belastbare Zahlen gibt? Eigentlich ein prima Thema für eine Thesis…


Duisburg

05 05 2012

Es ist wirklich reiner Zufall, dass ich ausgerechnet heute einen Artikel über Duisburg schreibe, wo doch morgen ein schicksalhaftes Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und dem MSV Duisburg stattfindet. In der Tat wollte ich schon eine ganze Weile mal einige Gedanken zur Stadt Duisburg niederschreiben, also los:

Wenn man in Düsseldorf aufwächst, lernt man nach und nach die Nachbarstädte kennen, wenn es einen Grund gibt, sie zu besuchen. Duisburg kennen die weitaus meisten Düsseldorfer aus zwei Gründen: Man besucht erstens, meist bereits im Kindergarten, den Duisburger Zoo und später, wann immer man auf der A3 mitten durch den Zoo fährt, erinnert man sich daran; nicht zuletzt wegen den drei Heckenbuchstaben ZOO, die auf der Autobahnbrücke zurechtgeschnitten stehen. Zweitens hält man mit dem Zug im merkwürdig runtergekommenen Duisburger Hauptbahnhof, wenn man irgendwo hin möchte, wo es interessanter ist. Weitere Gründe, warum man mal in Duisburg gewesen sein sollte? Nach Zoo und Bahnhofshalt kommt seeehr lange nichts, dann folgen die Unfallklinik, der fantastische und unterschätzte Landschaftspark Nord, das Delta (eine Großraumdisco), der größte Binnenhafen Europas (samt Hafenrundfahrt, an die ich mich aber genau gar nicht erinnere, was auch sicher seinen Grund hat) und für Fußballfreunde das Stadion des MSV Duisburg. Dann kommt wieder lange nichts und dabei bleibt es dann auch meistens. Ach ja, da ist ja noch die Love Parade mit 17(!) Todesopfern, daran erinnert sich aber niemand gerne. Der Innenhafen ist ganz nett, zählt aber nicht im Vergleich zum Düsseldorfer Medienhafen, tut mir leid.

Meine maßlos übertriebene These ist ja, dass Duisburg dermaßen egal ist, dass es niemandem auffiele, wenn es weg wäre, am wenigsten denen, die dort wohnen. Warum? Was kommt hinter Duisburg? Oberhausen, Essen, Mülheim und der Rest vom Pott, überall ist man häufiger und lieber als in Duisburg. Aber warum eigentlich? Was macht diese Stadt so egal? Für mich ist Duisburg zu wenig pottig, hat also zu wenig vom charmanten Ruhrpott-Charme abbekommen. Möglicherweise hat Duisburg zu viel vom Niederrhein. Andererseits finde ich selbst Krefeld interessanter als Duisburg. Was macht Duisburg so uninteressant, dass man mit dem Zug ständig durchfährt, aber nie aussteigt? Von allen großen Städten im direkten Einzugsbereich von Düsseldorf ist nur Mönchengladbach noch uninteressanter. Ist von Euch Lesern mal jemand aus eigenem Antrieb nach Mönchengladbach gefahren? Nicht? Warum auch? Klar, manchmal leben dort (Bums-)Bekanntschaften oder man hat beruflich dort zu tun. Aber zum Einkaufen oder um eine Sehenswürdigkeit zu besuchen? Klar, was soll man dort auch? Ich war kürzlich mal da und habe nicht einen nennenswerten Aspekt in Erinnerung behalten.

Zurück zu Duisburg: Ein großartiges Beispiel für die Egalheit von Duisburg ist ja die Landmarke "Magic Mountain Tiger & Turtle". Bei Qype habe ich folgendes darüber geschrieben, was mich auch zu diesem Blogeintrag inspiriert hat:

Falls Ihr ein diffuses Bild von dem Ding habt, durch Zeitungsberichte oder von Fotos, weil die Skulptur interessant aussieht oder Euch der Name fasziniert, und deswegen in irgendeiner Erwartung dort hin fahren wollt: Lasst es. Wobei es gerade diese deplatzierte Sinnlosigkeit ist, die dem ganzen Ding überhaupt irgendeinen Wert gibt. Ich meine: What? Was soll das? Eine merkwürdig niederwüchsig bepflanzte Halde die man auf einem Spiralweg emporspaziert, oben drauf eine merkwürdige Acherbahn-Skulptur, deren Begehbarkeit beidseitig am Looping endet und von der man eine Aussicht genießen kann, deren Egalheit schwer zu toppen sein dürfte. Noch mal: What?

Es tut mir ein wenig Leid, das so sagen zu müssen, aber dieses Ensemble drückt für mich all das aus, was Duisburg vom Rest des Potts unterscheidet: Die Egalheit. Wobei, Gegenbeispiel: Der Landschaftspark Nord auf der anderen Seite der Stadt ist im grotesken Kontrast zu dieser seltsamen Landmarke einer der großartigsten Orte im Ruhrgebiet, so faszinierend. Am Magic Mountain Tiger & Turtle ist nur der Name faszinierend und die Deplatziertheit seiner gesamten Existenz. Wobei das auch schon wieder drei Sterne wert ist. Aber bitte, fahrt bitte nicht in einer nur zu enttäuschenden Erwartung dort hin. Und wenn, dann wenigstens Nachts, die Nachtfotos von MrDuD geben dem Ganzen einen ganz anderen Spin.

Wenn ich nun so darüber nachdenke, ist diese Landmarke eigentlich erst recht einen Besuch wert, denn allein die unspektakulärste Aussicht weit und breit ist schon wieder sehenswert: Kläranlage, niedrige Wohnbebauung, Sportplatz, Straße, unspektakuläre Industrieanlage, unspektakuläre Hafenanlage und ein Fitzelchen vom Rhein kann man von der Skulptur aus sehen. Das ist für mich Duisburg. Wobei ich einräumen muss, dass ich mir beim Lesen der anderen Bewertungen bei Qype einigermaßen ertappt vorkomme, diese Haldenskulptur und ihren Bezug zum Standort auf reiner Düsseldorfer-Hochnäsigkeit zu verkennen. Schlimm, wenn einem auffällt, dass man gerade in seiner Herablassung als typisch Düsseldorfer rüber kommt. Ging mir in England neulich auch so, also dass ich als typischer Deutscher auffalle, das ist einem zu Hause gar nicht so bewusst.

Dabei ist Duisburg eigentlich gar nicht so uninteressant, wenn man genauer hinsieht. Dass man vom Rhein nichts hat, weil fast die gesamte Rheinfront mit Industrie- und Hafenanlagen zugepflastert ist, ist unschön, kann man Duisburg aber nicht vorwerfen: Das wäre reichlich undankbar gemessen an der industriellen Leistung für die Region und das ganze Land. Zudem hat es Duisburg im Mittelalter mal bitter getroffen, als sich der Rhein nach einem Hochwasser mehrere Kilometer von der Innenstadt entfernt ein neues Bett gesucht hat. Das klingt zwar witzig, war es aber sicherlich nicht.

Aber Duisburg hat ein Highlight, das jeder mal besucht haben sollte: Den Landschaftspark Nord, eine alte Hochofenanlage, die komplett begehbar da steht und langsam von der Natur zurückerobert wird. Ich bekomme mich gar nicht ein vor Begeisterung über dieses Juwel der Industriekultur, das Dingen ist einen eigenen Artikel wert, erinnert mich mal dran. Der Zoo gehört auch zu den besten Zoos, die man von Düsseldorf aus als Tagesausflug erreichen kann. Und demnächst werde ich mir auch mal die Sechs-Seen-Platte genauer ansehen, soll auch nett sein.

Gemessen an den ganzen zweifelsohne charmanten Aspekten Duisburgs frage ich mich gerade, wieso mir diese Stadt trotzdem so egal vorkommt. Warum finde ich etwa Oberhausen interessanter? Nur wegen dem Centro und dem großartigen Gasometer (unbedingt mal besuchen!)? Das ist zahlenmäßig weniger als Duisburg zu bieten hat, aber trotzdem habe ich ein besseres Bild von Oberhausen; es spiegelt für mich wohl einfach konsequenter das wieder, was ich am Pott so schätze: Industriekultur und Strukturwandel in einem spannenden Spannungsverhältnis und die Art und Einstellung der Leute. Ich mag die Leute aus dem Pott einfach unheimlich gerne, hingegen kann ich mit den Leuten vom Niederrhein meist eher weniger anfangen. Und wie gesagt: Duisburg hat mir schon zu viel vom Niederrhein.

Trotzdem habe ich gerade beim Schreiben dieses Artikels beschlossen, Duisburg ab sofort gleichberechtigt zu den anderen Städten aus dem Pott zu mögen. Dumm für Krefeld, das nimmt jetzt Duisburgs alten Platz bei mir ein.

P.S. Auch irgendwie fragwürdig, das Spannungsverhältnis zwischen Industriekultur und Strukturwandel spannend zu nennen. Das können echt nur Leute, die da nicht selbst drin stecken, die nicht ständig gegen den allgegenwärtigen Verfall in ihrer Umgebung ankämpfen müssen, Bildungsbürger. Käme ich aus dem Pott, ich würde wohl über jeden Euro kotzen, der in die neuen Bundesländer fließt, während meine Stadt und alles drumherum vor sich verfällt, vergessen wird, abgeschrieben ist. Mir würde das so unglaublich undankbar vorkommen, ich käme mir so benutzt und ausgespuckt vor, wie jemand, der nach 45 Jahren Maloche in der Rente verarmt, ohne das Gefühl, das ihm irgendjemand angemessen dankt für den volkswirtschaftlichen Wohlstand, an dem er mitgewirkt hat, allein gelassen mit seinen daraus erwachsenen Problemen. Und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um die Herablassung, die einem entgegengebracht wird, weil man verlebt und etwas dreckig daherkommt. Wenigstens eine eingehende Beschäftigung mit der Industrievergangenheit sind wir alle dem Pott schuldig. Wieso ist das in der Schule eigentlich nur so ein Randthema? Was für ein Skandal.


Ein Buch schreiben

30 04 2012

Vor ein paar Tagen habe ich die Medienradio-Folge über E-Book-Self-Publishing gehört und seitdem lässt mich die Idee nicht los, bei Gelegenheit mal ein Buch zu schreiben. Frage an meine Leser:

Würde Euch grundsätzlich ein von mir geschriebenes Buch interessieren?

Also erst mal ganz unabhängig von den sich daraus ergebenen Fragen wie E-Book oder Druck? Oder welche Inhalte? Besteht da irgendwie Interesse? Hintergrund ist, dass ich gerne schreibe und einige Leute mein Geschreibe auch ganz gerne lesen. Da liegt es also nahe, sowas mal als Buch zu bündeln.

So, Hirn frei und Frage beantwortet? Gerne per Kommentar, Mail, Twitter, Google+, Telefon oder persönlich. Dann geht es weiter:

E-Book oder Druck? Lest ihr E-Books? Ich würde keine 1000 Seiten schreiben und gedruckte Bücher sind mir suspekt, deshalb im Grunde ein kurzweiliges 99 Cent E-Book. Aber liest das dann noch jemand von meinen paar Lesern?

Und nicht zuletzt: Welche Inhalte würdet Ihr lesen wollen? Der ein oder andere Schwank aus meiner Jugend? Eine stark überarbeitete Auswahl besserer Blogtexte über dies und das? Ein festes Thema? Ein Sachbuch gar? Fiktionale Belletristik ist wohl eher nicht so mein Metier, aber die ein oder andere vielleicht Horizont öffnende Erörterung zum gemischten Themen? Interesse?

Ich frage das alles ganz offen und bin nicht geknickt, wenn das keiner hören will. Aber warum nicht mal reinhören?


Meine aktuelle Verteilung zwischen Google+, Twitter und Blog

22 03 2012

Falls sich jemand, wundert, dass ich seit geraumer Zeit deutlich weniger blogge als früher und auch weniger Twittere: Das liegt an Google+. Dort landet alles, was für Twitter zu lang ist, aber schnell runtergeschrieben werden will, so nebenbei. Im Blog landen nur noch längere Sachen und solche, die ich langfristig konserviert sehen will. Im Schnitt schreibe ich ca. 45 Minuten an einem Blogbeitrag, weil ich mir Zeit nehme und Dinge etwas weiter durchdenke. Also landet tatsächlich das meiste halbgare und schnelle und manches andere in meinem Google+Stream. Dort könnt ihr mir gerne folgen oder – wichtig für mich – den öffentlichen Kram auch ohne Anmeldung lesen.

Google+ hat aber noch andere Vorzüge für mich: Das mit den Bildern ist simpel und schnell, die Kommentare sind frei von Spam und nicht anonym und gut sichtbar, mithin von erfreulicher Diskussionsqualität. Das ist besonders bei halbgaren Gedanken spannend. Und nicht zuletzt bietet Google+ eine einfache und intuitive Möglichkeit, die Reichweite von Posts zu beschränken. Gedanken sind frei, also bilde ich mir nicht ein, dass da irgendwas geheim bleibt. Aber: Es gibt Dinge, die möchte ich aus sehr verschiedenen Gründen nicht unmittelbar mit jedem teilen, auch wenn es halb so wild wäre, würde jemand davon erfahren. Genau da ist Google+ eine fantastische Plattform. Zudem kann man dort wie bei Twitter Leute erwähnen, die das dann unmittelbar mitbekommen und in die Diskussion einsteigen können. Das nutze ich selten, aber es ist ein wichtiges Feature gegenüber meinem Blog, das ja von den meisten Leuten, die ich erreichen will, nicht so wahnsinnig regelmäßig gelesen wird.

Also gebt Google+ mal eine Chance, ich schätze es als fantastischen Lückenfüller zwischen Twitter und Blog. Facebook besuche ich übrigens nur noch, wenn mich jemand direkt anspricht, was erfreulicherweise selten passiert. Facebook ist für mich Gossip, Google+ hingegen eine Plattform mit wirklich interessanten Inhalten. Für Gossip habe ich Twitter und dann gibt es da noch Tumblr und Pinterest für eher bebilderte Bespaßung. Ne, Facebook mochte ich noch nie und ich glaube auch, dass Facebook seinen Zenit in Sachen Bedeutung der Inhalte bereits überschritten hat. Ich glaube, Facebook wird mehr und mehr zur Markenbotschafts-Müllhalde, während wirklich spannende Inhalte dort immer weniger werden. Facebook geht nicht so schnell in Gänze unter, das meine ich nicht, aber die Bedeutung als Lieferant spannender Inhalte sinkt in meinen Augen. Vielleicht ist das auch rein subjektiv aus meiner Filterblase heraus betrachtet und in Wirklichkeit sieht es ganz anders aus.


Sven Regener regt sich auf und ich auch

22 03 2012

Sven Regener hat an sich Recht, irgendwie, in diesem wütenden Radiomitschnitt. Aber er redet am eigentlichen Problem galant vorbei und verwechselt hier und da das ein oder andere.

Beispiel: YouTube zahlt nichts an die Künstler? Das sieht die ein oder andere Plattenfirma sicher ganz anders. Vielmehr gibt es einen Einigungsstau in Deutschland zwischen GEMA und YouTube, während in anderen Ländern die Künstler (bzw. die Plattenfirmen) schon fleißig Geld mit YouTube verdienen. Aber hört Euch seinen Ausbruch ruhig mal unvoreingenommen und in voller Länge an.

Schade, dass Regener offenbar inzwischen so alt geworden zu sein scheint, dass er nicht mehr so recht überblickt, worüber er sich da aufregt. Vielleicht verdient er ja auch selber nichts mehr und schließt daraus, das alles scheiße geworden ist. In dem Fall würde ich empfehlen, mal wieder ein so fantastisches Album wie die vorletzten beiden zu machen statt so einer haarsträubenden Scheiße wie "Fremde Federn", dem unerträglichsten Album, das ich seit Jahren gehört (bzw. vielmehr durchgeskippt) habe. Mit Scheißmucke verdient man nämlich in der Tat kein Geld. Aber das ist Polemik.

Denn eigentlich kann ich bei mir und in meinem Umfeld in den letzten Jahren eine klare Tendenz in Richtung wieder für Musik bezahlen sehen, übrigens gerade unter denen, die Piraten wählen. Spotify und Co., last.fm Premium, iTunes, Amazon MP3 und so weiter: Ich und wahrscheinlich die meisten der Leute um mich herum haben in den letzten zwei, drei Jahren wieder Größenordnungen an Geld in Musik gesteckt, wie seit ihrer Teenagerzeit nicht mehr. Und dann kommt da so ein Regener und tut so, als würde keiner Kohle für Musik abdrücken wollen. Das war mal so, eine Zeit lang, als es einfach keine akzeptablen Angebote gegeben hat, wo man seine Kohle hätte reinwerfen können: Entweder gar keine digitale Distribution oder mit DRM vermint, dann doch lieber gesaugt. Inzwischen ist das anders und – Überraschung! – die Leute bezahlen ja doch, wenn man sie lässt. Und das, obwohl sie in der Zwischenzeit vom Apfel der kostenlosen Verfügbarkeit genascht hatten, denn die Leute haben doch offenbar genug Problembewusstsein bzw. verhalten sich anständig, wenn man ihnen angemessene Angebote macht. Da sollte man anknüpfen, statt rumzuheulen, dass YouTube nicht die offensichtlich überhöhten Forderungen der GEMA bezahlen möchte. Das Gesellschaftsbild, was er da zeichnet, ist maßlos – je nach Sichtweise – übertrieben oder überholt, jedenfalls nicht zutreffend.

Überhaupt: So zu tun, als würde YouTube alleine das ganze Geld einsacken, das sie mit anderer Leute Musik macht, ist eine reichlich dreiste Behauptung. Wäre es anders, würden die Plattenfirmen sicherlich eher nicht freiwillig ihren "Content" dort einstellen. Sven Regener hat da keinen Bock drauf und stellt seine Videos lieber kostenlos auf seiner eigenen Website ein. Seine Entscheidung, aber seiner Argumentation nicht gerade dienlich, denn damit verzichtet er aktiv auf YouTube-Einnahmen. Nur, um sich zu beschweren, dass er als Künstler mit YouTube kein Geld verdient. Oder was?

Und dann diese tumbe Milliardenkonzern-Rhetorik, das ist doch kein Argument. Das ist eine Forderung, dass Google doch bitte YouTube aus anderen Geschäftsbereichen quersubventionieren möge. Übertragen auf die Musikindustrie entspricht das in etwa der Forderung, Sony möge doch die Musiksparte unprofitabel betreiben und aus seinen anderen Geschäftsbereichen quersubventionieren, denn da verdienen die ja genug, gar Milliarden! Die Schweine!

Ich kaufe Musik, die ich gut finde (als MP3 ohne DRM). Und ich bezahle zusätzlich für last.fm Premium und einen Streamingdienst (zur Zeit Spotify), wo ich Musik höre, die ich mir nicht kaufen möchte, weil sie mir so viel nicht oder noch nicht wert ist. Gelegentlich wird mir Musik, die ich dort kennengelernt habe so viel Wert, dass ich sie kaufe. Die Kohle kann die Plattenfirma mitnehmen oder es bleiben lassen, weil es ihr zu wenig ist. Musik, die bei den Streamingdiensten nicht auftaucht – und das ist unerfreulich viel – sauge ich weiterhin, bevor ich sie blind kaufe. Denn leider habe ich mich über etwa die Hälfte meiner Alben-Blindkäufe ernsthaft geärgert. Also keine Blindkäufe mehr, sondern erst ernsthaft reinhören und dann löschen oder kaufen. Das ist mein Verständnis von Fair Use und das hat in meinen Augen den nötigen Anstand, den Herr Regener einfordert.

Abschließend stellt sich mir die Frage, was Herr Regener denn eigentlich will? Dass YouTube einen Anteil seiner Einnahmen an die Verwerter abgibt? Ist längst der Fall. Dass YouTube-Einnahmen bei den Künstlern ankommen? Ist eher ein Problem zwischen Verwertern und Künstlern. Dass YouTube sich mit der GEMA einigt? Da sehe ich das Problem gemessen an den erfolgten Einigungen in anderen Ländern eher auf der Seite der GEMA. Dass die Leute wieder für Musik bezahlen und nicht asozial bei Megaupload saugen? Ist auch längst in einem tragbaren Maße der Fall, denke ich, aber allemal geht die Tendenz klar in die richtige Richtung. Dass die Gesellschaft die Künstler nicht aus dem Auge verliert? Da sind wir uns sicher alle einig, deswegen besteht das Problem in meinen Augen auch eher in der Angstfantasie von Herrn Regener als in der Realität. Also regen Sie sich ab, Herr Regener.