Der Spice Hype
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 02:0805 12 2008
Die Kräutermischung Spice geht momentan intensiv durch die Medien und bekommt durch die häufig ungenaue bis falsche Berichterstattung mehr Aufmerksamkeit, als sie verdient. Prima Beispiel: Spiegel Online bringt ein Video über Salvia (und nebenbei auch über Spice), in dem YouTube Videos von ziemlich abgehenden Salvia-Kiffern gezeigt werden. Soweit OK, allerdings frage ich mich schon hier, wieso da dann plötzlich über Spice geredet wird, wo Salvia Divinorum (Aztekensalbei) und Spice zwei wirklich verschiedene Paar Schuh sind: Salvia ist eines der stärksten Halluzinogene weit und breit und in Deutschland seit Anfang dieses Jahres nicht mehr frei verkäuflich. Nicht ganz zu Unrecht, mit Salvia ist wirklich nicht unbedarft zu spaßen, auf jeden Fall noch weniger als mit den meisten anderen Drogen. Spice, sowie seine "stärkeren" Varianten Spice Gold und Spice Diamond und alle Nachahmer wie Sence, ChillX und SMOK wirken je nach Erfahrungsbericht irgendwo zwischen gar nicht
und etwa so stark wie Cannabis, nur irgendwie anders
. Also erst mal keine Panik, liebe Eltern. Trotzdem sollte man die Finger davon lassen, zumindest bis geklärt ist, was es genau ist und wie es genau wirkt. Ohne dieses Wissen Drogen zu konsumieren ist nie eine kluge Idee, egal um welche Drogen es sich handelt. Cannabis ist übrigens hervorragend erforscht, millionenfach bewährt und vor allem viel billiger! Von Spice und Co. braucht man für eine nennenswerte Wirkung deutlich mehr als von durchschnittlichem Gras und pro Gramm 6-12€ sind nicht wirklich billig, wie viele Berichte behaupten. Brauchbares Gras kostet in Holland etwa das gleiche, kann aber deutlich viel mehr pro Gramm. Warum ist Spice dann so beliebt, außer dem offensichtlichen Grund, dass so ziemlich jedes Medium in den letzten Monaten profundes und sagenumwobenes Halbwissen darüber in die Welt gesetzt hat? Ganz klar: Es ist frei verkäuflich, was zur paradoxen Situation führt, dass gerade die bigotte und allemal überdenkenswerte Drogengesetzgebung die Leute scharenweise in die Arme von schlecht bis gar nicht erforschten und möglicherweise gefährlichen Cannabis-Alternativen wie Spice treibt. Ziel verfehlt würde ich mal sagen.
Wer Kinder hat und für wen deswegen Drogen ein Thema sind, sollte übrigens unbedingt mal mit (ehemaligen) Konsumenten darüber sprechen und/oder das Buch "Rauschzeichen - Cannabis: Alles, was man wissen muss" von Steffen Geyer und Georg Wurt" lesen. Ich kann das nur jedem empfehlen, sowohl potenziellen Cannabis-Konsumenten, als auch ganz besonders warm besorgten Eltern von Teenagern. Verbote und Verteufelungen bewirken bei Teenagern nämlich oft das genaue Gegenteil, wenn sie sich aus offensichtlich zur Schau gestelltem Un- bis Halbwissen speisen. Und über Cannabis und Drogen im Allgemeinen geistert unfassbar viel mythisches Halbwissen herum, das oft genug im krassen Widerspruch sowohl zur erfahrenen, als auch zur objektiven Realität steht. Also: Ruhe bewahren, gut informieren und Gespräche auf dem Boden der Tatsachen führen.
Ach ja, die Medienkritik: Spiegel Online benutzt die YouTube Videos von völlig geflashten Salvia-Konsumenten nicht nur im Beitrag über Salvia, sondern auch in einem gesonderten Beitrag über Spice und tut damit so, als würde Spice tierisch flashen. Allerdings flasht nicht mal Cannabis auch nur ansatzweise in der Art, wie es Salvia tut, und Spice erst recht nicht. Solche Berichterstattung klärt weniger auf, als sie neue Konsumenten in die Läden treibt. Das ist scheiße und nützt allein den Herstellern solcher Kräutermischungen. Spiegel Online ist aber nicht alleine damit, deren Videoberichte zum Thema sind sogar vergleichsweise gut recherchiert und bis auf den Fauxpas mit den falsch zitierten YouTube Videos recht stimmig.
Nachtrag 08.12.2008: Den lustigen Tippfehler im Titel habe ich schweren Herzens korrigiert. Aber eigentlich wollte ich darauf hinweisen, dass Malte vom Spreeblick just heute einen kleinen Drogenführer begonnen hat. Wer übrigens Malte nicht kennt oder den Spreeblick, hat recht wahrscheinlich was verpasst, für den Drogenführer gilt das auch. Also ran. Mal schauen wie die folgenden Kapitel aussehen werden.
Noch ein Nachtrag, diesmal am 18.12.2008: Wie man der Internet- und Tagespresse allenthalben entnehmen konnte, ist der wirksame Inhaltsstoff von Spice und Co. wohl das synthetisch hergestellte JWH-018. Siehe auch bei Steffen Geyer oder beim Spiegel Online. Damit ist das Geheimnis wohl geklärt, wenn die Analyse denn tatsächlich stimmt. Ergebnis für die Praxis: JWH-018 ist bisher nur an Mäusen erforscht, also lieber richtiges THC an den Start bringen. Ergebnis für die Sinnebene: Die Situation führt sehr klar die Absurdität des Cannabis-Banns vor Augen. Eine nicht gerade geringe Zahl von Menschen (vor allem Minderjährige) weicht auf legale Cannabis-Alternativen aus und nimmt allein für die Legalität ein unnötig hohes Risiko in Kauf, obwohl Cannabis hervorragend erforscht und vergleichsweise ungefährlich ist. Ungefährlicher jedenfalls als Tabak und auch als Alkohol (Gefährlichkeit hier gemessen an Todesofpern und Suchtpotenzial). Da kann ich nur den Kopf schütteln.
Kategorien : Zeitgeist
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