Adblock Plus, die Whitelist und sich aufdrängende ethische Fragen

18 12 2011

Der Firefox-Werbeblocker Adblock Plus hat neuerdings eine Whitelist, die bestimmte unaufdringliche Werbung passieren lässt. Andere Werbeblocker tun es Adblock Plus bereits gleich. Das provoziert einigen Unmut in meiner Twitter-Timeline, viele Adblock Plus Nutzer fühlen sich betrogen und lamentieren herum. Es war sogar maßlos überzogen von Spyware die Rede. Dabei bewegen sie sich meine Auffassung nach ethisch gesehen auf ziemlich dünnem Eis.

Vor einer ganzen Weile habe ich schon mal etwas zum grundsätzlichen Problem mit Werbeblockern geschrieben: Werbeblocker sind kein guter Stil, aber nötig. Um mich nicht zu sehr zu wiederholen verweise ich vorab auf eine Lektüre dieses Artikels.

Nun aber erst mal zur Whitelist von Adblock Plus. Die funktioniert so, dass der Anbieter von Adblock Plus einen bestimmten und ziemlich strengen Kriterienkatalog für unaufdringliche Werbung definiert hat. Wenn sich Werbetreibende daran halten, können sie per Vertrag einen Platz auf der Whitelist bekommen, was dafür sorgt, dass ihre Werbung nicht mehr herausgefiltert wird. Diese Whitelist ist in der neuen Version standardmäßig aktiv, kann aber abgeschaltet werden. Das Ziel ist klar formuliert: Es soll attraktiv für Werbetreibende werden, ihre Werbung unaufdringlich zu gestalten. Der am weitaus häufigsten genannte Grund für die Verwendung von Werbeblockern ist ja gerade der Selbstschutz vor übergriffiger Werbung, so eine Whitelist ist also eine wirklich hervorragende Idee für einen Interessenausgleich zwischen seriösen werbefinanzierten Websites und von unseriös werbefinanzierten Websites genervten Usern.

Je länger ich darüber nachdenke, desto großartiger finde ich diesen Ansatz. Wie bereits im oben genannten Artikel gesagt, halte ich den Einsatz von Voll-Werbeblockern nur mit dem Argument des Selbstschutze vor übergriffiger Werbung für ethisch zu rechtfertigen. Wer nun die Whitelist ausschaltet, steht in meinen Augen aber ohne moralische Rechtfertigung da. Vielleicht ist das ja auch ein Grund für das Geschrei? Plötzlich muss man als moralisch sauber handelnder Mensch doch wieder die ein oder andere Werbung ertragen, wo man es sich doch hinter dem Pauschalargument der übergriffigen Werbung so gemütlich werbefrei eingerichtet hatte. Das ist eine infame Unterstellung, aber eine andere Erklärung habe ich nicht: Die Whitelist lässt sich problemlos abschalten und wenn sie nicht standardmäßig an wäre, wäre sie reichlich nutzlos, denn dann würde kaum jemand Notiz davon nehmen. Ich halte den faireren Deal für die sinnvollere Default-Einstellung.

Anders herum kommt durch so eine Whitelist-Lösung der Einsatz eines Werbeblockers plötzlich für Leute wie mich erstmals in Frage, die bisher aus Achtung vor den Lieferanten kostenloser Informationen darauf verzichtet hatten. Wenn nun noch mehr Leute als zuvor Werbeblocker (mit Whitelist) einsetzen, wird der Druck auf die Schalter aufdringlicher Werbungen umso größer, der gewünschte Effekt wächst also mit jedem Nutzer. Plötzlich tut man der Gemeinschaft sogar einen Dienst, wenn man einen Werbeblocker mit Whitelist einsetzt. Und nicht zuletzt nimmt man den schwarzen Schafen unter den Werbetreibenden ein Argument aus der Hand, mit dem sie einem bisher die Ohren vollgeheult haben. Wer jetzt noch heult, den kann man auf die Möglichkeit verweisen, seiner Werbung die Aufdringlichkeit zu nehmen und sich einen Platz auf den einschlägigen Whitelists zu sichern. Wer nervige Werbung schaltet, ist halt nicht in der Position, anderen ein schlechtes Gewissen einzureden.

Ernsthaft: Mit dem Adblock-Whitelist-Ansatz halten wir nicht weniger als den Schlüssel zum Frieden im Werbekonflikt im Internet in der Hand! Am Ende können alle zufrieden sein, weil das Web zu einem besseren Ort wird, je weniger überaufdringliche Werbung es gibt. Die Einschnitte auf Nutzerseite sind dabei deutlich kleiner als auf der anderen Seite, das ist schon für sich genommen ein Sieg.

Das einzige Geschmäckle ist, dass Werbetreibende zur Zeit mit jedem Werbeblocker-Betreiber Einzelverträge schließen muss und wahrscheinlich auch dafür bezahlen muss. Wir brauchen hier eine Non-Profit-Organisation, die solche Whitelists unabhängig und zentral pflegt und auch die Einhaltung der strengen Nicht-Nervigkeits-Kriterien überprüft.

P.S. Neulich hatte ich auf einer eigentlich seriösen Nachrichtenseite ein Layer-Ad, dessen Schließen-Knopf nicht funktioniert hat und der somit sehr zuverlässig den Konsum des eigentlichen Seiteninhalts verhindert hat. Wenn sowas öfter passiert, brauchen sich die Betreiber der Seite nicht wundern, wenn die Besucher ohne Werbeblocker ausbleiben und am Ende nur noch diese undankbaren Abschnorchel-Besucher mit Werbeblocker übrigbleiben.


Das Hochzeits-Dilemma

13 12 2011

Ich wäre längst verheiratet, wenn das mit der Feier nicht so ein Dilemma wäre: Man kann es einfach nicht allen recht machen. Aber fangen wir mal an, wieso man überhaupt heiraten will:

  1. Aus Liebe. Das ist romantisch, aber heutzutage irgendwie auch ziemlich überflüssig, denn an der Liebe wird sich durch so eine Trauung eher nichts verändern, jedenfalls nicht zum Positiven.
  2. Um der Beziehung einen legalen Rahmen zu geben. Sei es, weil man nicht unverheiratet Kinder in Welt setzen will, weil man als Mann dann im Zweifel ziemlich gebumstrechtelos ist. Sei es, weil man endlich von meiner Frau bzw. meinem Mann sprechen möchte, ohne Irritationen hervorzurufen. Es gibt etliche solcher kleinen Gründe und zusammengenommen sind sie für mich der Hauptgrund für eine Heirat.
  3. Wegen der Party. Ernsthaft: Auf eine schöne Hochzeit freuen sich viele ihr ganzes Leben lang, ich zumindest. Punkt.
  4. Aus Steuergründen. Da ich das Thema Steuern so weit von mir weg wie nur möglich schiebe, denke ich daran immer erst zuletzt. Außerdem gibt es echt nichts unromantischeres als wegen Steuern zu heiraten. Das schenkt denen nur Aufmerksamkeit, die sie nicht verdienen, die Steuern. Ein realistischer Blick aufs Konto oder ein Gespräch mit dem Steuerberater macht diesen Grund allerdings zum praktisch wichtigsten von allen. Eigentlich Grund genug, schon aus Trotz gar nicht zu heiraten.

Wenn ich all diese Gründe aufsummiere, will ich eigentlich lieber heute als irgendwannmal™ heiraten. Der einzige Grund, der mich bisher davon abgehalten hat, ist die Schwierigkeit, das angemessene Ausmaß der Feier zu finden. Im Grunde kann man da nur verlieren, wenn man nicht der erste ist, der aus dem näheren Umfeld heiratet. Man hat etwa fünf grundsätzliche Optionen:

  1. Man lädt alle ein, die man irgendwie kennt. Da kommt schnell eine nicht ganz kleine dreistellige Zahl an Leuten zusammen, was so eine Hochzeit in organisatorische und vor allem finanzielle Dimensionen katapultiert, dass es einem den Magen umdreht. Vorteil ist ganz klar, dass niemand beleidigt ist, nicht eingeladen worden zu sein. Die Türken machen das angeblich so, aber bei denen ist jeder Gast traditionell ein Plusgeschäft, weil ein Hochzeitsgeschenk als Starthilfe fürs Leben gesehen wird und entsprechend ein ordentlicher Geldbetrag zusammen kommt.
  2. Man streicht so lange Leute heraus, mit denen man eigentlich gar nicht so viel zu tun hat, bis man bei ca. 70 Leuten ist. Damit wird man schon einer unangenehm großen Zahl an Leuten vor den Kopf stoßen, es ist trotzdem noch ziemlich teuer, aber wenigstens organisatorisch realistisch zu stemmen. Als Kompromiss die von den meisten Leuten in meinem Umfeld gewählte Variante.
  3. Man baut eine rigide Positivliste: (Nähere) Familie rein, nur enge Freunde rein, alle anderen raus. Da wird man auf unter 40 Leute kommen und kann vor allem zeigen nicht eingeladene Leute hier mehr Verständnis, weil die Abgrenzung klarer ist. Trotzdem sind es gerade die nur knapp herausgefallenen, die einem das dann besonders übel nehmen, vor allem, wenn man zuvor schon auf deren Hochzeit getanzt hat. Das Problem verschlimmert sich also mit jeder Hochzeit, auf die man eingeladen war, also bei Bildungsbürgern ab Ende 20 rapide. Ein echt guter Grund, lieber früher als später zu heiraten.
  4. Man macht gar keine Party, sondern lädt nur die nähere Familie und allerbeste Freunde ins Standesamt und danach in irgendein nahe gelegenes Restaurant ein. Das wird zwar lange Gesichter beim allen auslösen, auf deren Hochzeit man schon eingeladen war (Aha, Kleinsparer!), aber es ist eine günstige und saubere Lösung. Nachteil: Keine Party. Wenn man sich sein Leben auf die eigene Frau im Brautkleid gefreut hat, ist das ein bitterer Abstrich. Das Vorhaben, die Party irgendwann nachzuholen, zieht man als Atheist mangels Gelegenheit frühestens mit Anfang 50 durch, wenn einem das wieder einfällt, weil die Kinder aus dem Haus sind.
  5. Man heiratet heimlich. Das Äquivalent zur anonymen Bestattung als Asche unterm Baum oder auf hoher See. Irgendwie unbefriedigend und auch etwas feige aus der Affäre gezogen. Trotzdem denke ich ernsthaft darüber nach, denn wenn es eh schon keine Party gibt, kann man auch gleich heimlich heiraten. Billig, schnell und man stößt allen vor den Kopf, so dass sich exakt niemand zurückgesetzt fühlen kann. Andererseits will man das freudige Erlebnis ja schon mit irgendwem teilen können.
  6. Man kann auch Sonderformen wählen: Viele Gäste und alle bringen was zu Essen oder zu Trinken mit und der Raum ist günstig. Das ist ein Modell, das wenigstens das finanzielle Problem löst, allerdings den bisher noch gar nicht angesprochenen Stressfaktor noch etwas erhöht und zudem schnell mal einen muffigen Kalter-Hund-Charme versprüht.

Was also tun? Die Erwartungshaltungen sind kaum unter einen Hut zu bringen, ich kann also jeden verstehen, der davor kapituliert und einfach gar nicht heiratet. Ein attraktiver Ausweg. Andererseits bleibt das dauerhaft schale Gefühl, der halben Sachen. Nichts für mich, und schon mal gar nicht, wenn Kinder ins Spiel kommen. Darüber könnte ich noch mal so einen Text schreiben, irgendwannmal.

Ich tendiere ja zur nur-Familie-ins-Standesamt-mitnehmen-Lösung, das sind ja auch schon über 20 Leute, wenn es nur um Großeltern, Eltern, Geschwister und deren Kinder geht. Was schickes anziehen, Hochzeit durchziehen, lecker Essen gehen, Feierthema offen lassen, möglichst wenig Stress. Reicht eigentlich. Mehr Feier kann ich mir realistisch betrachtet auch auf mittlere Sicht sowieso nicht leisten, weil ich nicht das Glück habe, dass die Brauteltern die Hochzeit ausrichten. Und wenn man doch mal zu Geld kommt, kann man eine ordentliche Feier immer noch nachholen. Trotzdem schade, die Freunde von der eigenen Hochzeit auszuschließen. Und auch irgendwie schade um meine Jahre gereiften Ideen für eine Feier nach meinem Geschmack, also schade um die Cheeseburgerpyramide als Buffethöhepunkt. Und schade um den Kitsch, denn ein wenig gezielt dem Kitsch aussetzen ist erfrischend wie ein Eimer Eiswasser nach dem Saunabesuch. Ach alles scheiße…