Online-Backup im Jahr 2010
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 17:1526 08 2010
Online-Backup ist eine unglaublich naheliegende Idee, wenn es um die aushäusige Datensicherung geht. Als man noch 30MB Webspace hatte und ein analoges Modem, war das nicht so recht praktikabel. Auch die 256kBit/s, die ein Gros der DSL-Anschlüsse in Deutschland als Geschwindigkeit nach außen anbieten, sind nicht so viel, dass man seine Daten darüber gerne sichert. Über den Daumen gerechnet sind das nämlich nur 2,7GB in 24 Stunden oder magere 112,5MB pro Stunde. Damit wird man seine Bildersammlung und die eigenen Dateien nur unter Blut und Schweiß in ein Online-Backup bekommen. Bei 1MBit/s Upload wird es langsam interessant, das ist der übliche Wert bei DSL-Anschlüssen mit 16MBit/s. Das sind schon 450MB pro Stunde und über 10GB pro Tag. Mein VDSL50-Anschluss transportiert 10MBit/s ins Netz und würde 100GB in einem Tag schaffen. Damit erreichen wir recht klar die Zone der Praktikabilität für den Alltag.
Meine Eigenen Dateien (inkl. Fotos) nehmen ca. 12GB ein, nachdem ich dort mal gründlich aufgeräumt habe und die TomTom Kartenbackups mit inzwischen 8GB ausklammere. Meine Musik liegt zur Zeit bei 70GB und wächst gelegentlich. Mit 100GB käme ich also für meine wichtigsten Daten durchaus hin, aber Luft nach oben schadet nicht. Manche Leute haben deutlich mehr Musik, andere weniger, wiederum andere würden auch gerne ihr Videoarchiv sichern und dann sind da noch die, die ihren Rechner nicht aufräumen und deswegen im Terabyte-Bereich unterwegs sind.
Backup muss sein, darüber brauchen wir hoffentlich nicht reden. Leider kenne ich zu viele Leute bei denen ein Ausfall der Festplatte oder der Verlust ihres Laptops sich eher tragisch auswirken würde. Offensichtlich machen sich zu wenige Leute klar, dass da ihre gesamte Fotosammlung der letzten Jahre schlummert, ihre (bezahlte oder wenigstens mühsam zusammengesammelte) Musik, ihre digitale Identität. Eine externe Festplatte ist aber wenigstens einem Großteil als Backup-Medium bekannt und einige Leute machen sogar gelegentlich, vielleicht einmal im Jahr ein Backup ihrer nötigsten Daten. Immerhin.
Doch was wenn es brennt (man denke auch an Löschwasser vom brennenden Dachgeschoss)? Wenn eingebrochen wird? Oder eine Hausdurchsuchung einem die gesamte IT-Infrastruktur aus der Wohnung trägt (ob berechtigt oder nicht)? Es führt kein Weg dran vorbei, man muss ein Backup seiner Daten auch außerhalb der Wohnung bzw. des Büros aufbewahren. Fein raus, wer seine Daten aus dem Büro auf Festplatten mit nach Hause nehmen kann, um sie dort zu archivieren. Dann kann einem wirklich nur noch eine Hausdurchsuchung in die Suppe spucken, die gerne mal in Büro und Privaträumen räubert. Oder eine Atombombe, aber dann hat man ganz andere Probleme am Hals. Aber nicht jeder hat ein Büro oder einen vetrauenswürdigen Lebenspartner in separater Wohnung.
Zudem ist es eine feine Sache, wenn man selbst oder auch andere uf Einladung auch von unterwegs via Notebook an die eigenen Daten herankäme. Auftritt Online-Backup. Das Kernproblem hier ist das Vertrauen in den Betreiber des Cloudspeichers. Mitunter hat man sensible Daten auf der Festplatte, sei es die Privatpornosammlung, Daten von Kunden oder was auch immer man als sensibel einstuft. Ohne eigene Verschlüsselung muss man dem Betreiber des Cloud-Speichers einiges an Vertrauen entgegenbringen. Immerhin arbeiten da Menschen, die 1. naturgemäß Zugriff auf die Daten haben und 2. Menschen sind und somit gelegentlich böse sind oder auch mal Fehler machen. Da kann noch so schön der Transport verschlüsselt laufen, die Daten verschlüsselt abgelegt sein, wenn man sich nicht selbst darum kümmert, wird es Dritte geben, die Zugriff auf die Daten haben. Und sei es ein Einbrecher im Rechenzentrum oder ein geschickter Hacker. Also bleiben einem vier Lösungen:
Man natürlich den großen roten Ignore-Button drücken und dem Anbieter vertrauen. Wenn man jemandem Geld bezahlt, mag das durchaus eine praktikable Lösung sein, für paranoide Menschen wie mich aber nicht. Alternativ kann man Online-Backup ganz bleiben lassen, verzichtet aber auf die Vorteile. Die dritte Lösung ist für Pragmatiker: Geht es um Musik und je nach Privatheitsanspruch um die Fotosammlung, jedenfalls um wenig sensible Daten, spricht nichts gegen irgendeinen dahergelaufenen Cloud-Anbieter. Doch was ist, wenn sensible Daten gesichert werden müssen, etwa Daten von Kundenprojekten? Als vierte Lösung bleibt einem die Verschlüsselung in Eigenregie.
TrueCrypt zum Beispiel ist eine hervorragende Lösung, um einen verschlüsselten Dateicontainer als Laufwerksbuchstaben ins System einzubinden. Leider hat diese Lösung zwei ganz dicke Pferdefüße: Zum einen muss man sich bei der Erstellung des Containers für eine Größe entscheiden, klein anfangen und mitwachsen ist nicht. Die Ersteinrichtung des Online-Backups wird also in jedem Fall ab einer gewissen Menge der zu speichernden Daten zum Problem, für dass es nur halbwegs gute Lösungen gibt. Zum anderen aber braucht man einen Online-Speicher, der sich als Blockdevice einbinden lässt. Das bedeutet, dass man wahlfrei auf einzelne Teile einer Datei zugreifen kann, um nicht bei jedem Zugriff die gesamte Datei übertragen zu müssen. Eine kleine Änderung einer 100GB Containerdatei sollte nicht dazu führen, dass ein VDSL50-Anschluss 24 Stunden beschäftigt ist. Das trifft leider auf die wenigsten Cloud-Speicher zu, so dass die Auswahl deutlich eingeschränkt wird.
Sowieso ist der Zugriff auf den Cloud-Speicher ein Problem. Viele Anbieter (wie 1&1) bieten lediglich über das WebDAV-Protokoll Zugriff auf die Dateien, was unter Windows die praktisch handhabbare Dateigräße auf ca. 50MB beschränkt, mit Tricks oder speziellen Programmen sind auch mehr drin, bei 1&1 ist etwa bei 512MB Schluss. Hier habe ich mich mal ausführlich über die Beschränkungen bei 1&1 ausgelassen. WebDAV, FTP und Konsorten sind kein Blockdevice, also fällt ein großer TrueCrypt-Container als Lösung auf solchen Cloud-Speichern flach.
Die zur Zeit attraktivste Lösung in dieser Hinsicht bietet zur Zeit ausgerechnet Strato, bei deren Namen ich und viele Bekannte noch heute (über 10 Jahre seit dem letzten Kontakt) kurz schaudern. Strato war damals so unglaublich scheiße, das lässt sich kaum in Worte fassen. Im Jahr 2010 könnte man darüber mal hinwegkommen, denn das Produkt HiDrive klingt äußerst attraktiv: 100GB für 3,90€ pro Monat, 500GB für 9,90€, 1TB für 39,90€, bis hin zu 5TB für 149€. Das ist überschaubar, auch im professionellen Kontext. Zum Vergleich: Bei Amazon S3 kostet jedes GB 15 US¢ pro Monat zuzüglich Traffic (150€ für 1TB). Strato bietet dabei Zugriff via Windows-Netzwerkfreigabe (über sicheres OpenVPN) mit voller TrueCrypt Unterstützung. In der c't stand, dass man sogar eine Festplatte per Post ins Rechenzentrum schicken kann, die dann eingespielt wird. Wenn das stimmt, würde das sogar die lästige Ersteinrichtung praktikabel machen. Einen 1TB TrueCrypt-Container übers Netz zu schicken, dauert auch bei VDSL50 10 Tage und würde auch alle 24 Stunden durch die Zwangstrennung unterbrochen. Da ist der Postweg doch irgendwie angemessener.
Ich habe jetzt einen kostenlosen 90-Tage-Testaccoung bei Strato bestellt und werde über meine Erfahrungen berichten. Vielleicht werde ich auch genaueres über Alternativen schreiben.
Kategorien : Computer-und-Technik
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