Wider die Sprach-Nazis
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 13:3630 05 2008
Meine Freundin nennt die Sprachnörgler dieser Welt (allen voran Bastian Sick) gerne mal Sprach-Nazis. Ein herrlich polemischer Begriff, den ich natürlich sofort übernommen habe. Ich muss ja zugeben, dass ich zu Zeiten des ersten "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" Buches selber jeden Zwiebelfisch verschlungen habe und dort durchaus die ein oder andere Anregung zur Verbesserung meines Sprachgebrauchs gefunden habe. Irgendwann ging mir die ewige Erbenzählerei und vor allem der Hype um das ganze Thema aber nur noch tierisch auf den Wecker. Wie peinlich ist es doch, wenn (oft auch nur selbsternannte) intellektuelle Kreise sich durch eine korrekte Ausdrucksweise vom Pöbel abzugrenzen versuchen. Einmal elitär fühlen für den kleinen Preis, statt "Sinn machen" fortan "Sinn ergeben" sagen oder zumindest denken zu müssen. Widerlich wird es, wenn man sich auf Basis dieser Sprachnörgelei und Besserwisserei über Leute lustig macht, die so sprechen, wie eben gesprochen wird. Schönes Zutat dazu aus der taz (via Bremer Sprachblog):
Korrektes Deutsch ist durchaus eine feine Sache. Vor allem für Menschen, die ihr Geld mit Schreiben verdienen. Sehr unfein ist es aber, wenn man sein Geld mit der Produktion von Büchern verdient, deren einziger Nutzwert darin besteht, halbgebildeten Wichtigtuern zu einer Gelegenheit zu verhelfen, andere Menschen auszulachen. Genau das macht Bastian Sick. Das Schlimmste daran ist aber, dass er auch noch behauptet, seine denunzierende, altkluge Erbsenzählerei wäre „lustvoll“ und „unterhaltend“.
So weit würde ich nicht gehen, aber die Stoßrichtung empfinde ich auch so. Sick selber sehe ich nur als das Schnellboot an, in dessen Kielwasser eine ganze Welle das Land überbraust. Und ich bin damit nicht alleine (im Netz ist man ja nie mit irgendetwas alleine), man schaue sich nur den schönen Buchtitel "Sick of Sick - Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den „Zwiebelfisch“" von André Meinunger an. Ob ich mir dieses Buch mal zulege? Jedenfalls beteilige ich mich nicht mehr am kulturpessimistischen Sprachnazitum und sage wieder und mit voller Absicht "Sinn machen", ha!
Bevor wir uns falsch verstehen: Ich habe nichts dagegen, eine gewisse Sprachhygiene zu pflegen. Aber das ganze muss mit Augenmaß und mit einem realistischen Blick auf den Zeitgeist geschehen. Hüten muss man sich hingegen vor sprachlichem Stillstand, der gerne mal mit positiv konnotierter Konstanz gleich gesetzt wird. Und hüten sollte man sich auch davor, Leute bei der Nutzung ihrer UmgangsAlltagssprache zu verbessern. Unvergessen die Ikone der oberlehrerhaften Sprachtanten: Das Smett mir
, Das heißt: das schmeckt mir!!!11
Ein schöner unaufgeregter Blick auf die Welt der Sprache findet sich übrigens im Bremer Sprachblog, der von einem Professor für Sprachwissenschaften aus Bremen geführt wird.
Kategorien : Zeitgeist
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