Nach der WM-Party
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 10:1614 07 2006
Man könnte ja glatt vermuten, dass nach einem Monat Dauerparty das ganze Land mit einem übelsten Kater im Bett liegt. Weit gefehlt! Die Stimmung ist eine Mischung aus Faszination und Freude über sich selbst und noch immer vorhandener guter Laune. Fein.
Die Party wird das Land und die Welt nicht so schnell vergessen und der Dienst, den diese WM Deutschland erbracht hat, ist unermesslich wertvoll. Fein.
Ein gutes Beispiel für den stressfrei-Faktor dieser Party ist folgendes Video mit dem grün-weißen Partybus. Wozu Stress mit den Jungs in grün (und neuerdings ja auch teilweise in blau), wenn man auch gemeinsam Spaß hat? Ich glaube aber, dass der wichtigste Grund für die Gewaltfreiheit während der WM der hohe Frauenanteil war. Auf den Fanmeilen lag der nämlich (hab ich irgendwo gelesen) teilweise bei satten 40%. Wo so viele Frauen sind, gibt es sogar unter besoffenen Fußballfans keinen Grund für Gewaltausbrüche. Wozu? Man hat ja alles: Gute Spiele der Mannschaft, Sonne, Stimmung, Party und sogar genug Frauen, die mitfeiern. Das ist besser als ne zünftige Fußballschlägerei. Mit wem hätte man sich auch schlagen sollen und vor allem warum?
Jetzt die unvermeidbare Frage: Bleibt die Stimmung im Lande? Bzw. was bleibt von der Stimmung hängen? Meine Prognose: Etwas muss hängen bleiben. So eine fette Portion kann sich nicht vollständig auflösen. Und alles was hängen bleibt begrüße ich. Bei mir ist der Text der Nationalhymne hängen geblieben. Ich muss zugeben, dass ich den extra lernen musste. Niemand hat mir den Text je wirklich beigebracht und stattdessen wurde bei mir die Scham über die Hymne gepflanzt. Ich habe das so übernommen. Allerdings bin ich als zweite Nachkriegsgeneration nun wirklich frei von Mitschuld und die Scham nur noch Selbstzweck. Nichts dagegen, dass man Grolltaten in Erinnerung behält. Im Gegenteil muss man sich damit kritisch auseinandersetzen. Aber wenn man selber damit nichts am Hut hat und sich auch (m.E. zu Recht) nicht verantwortlich fühlt, dann ist diese Schamkomponente einfach nur Jammerlapperei. Also weg damit. Florian Illies hat diese Nationalscham der Deutschen in seinem Buch "Anleitung zum Unschuldigsein" (Lese-/Hörtipp) sehr gut getroffen, als der Ich-Erzähler in Italien mit dem Taxifahrer über Fußball spricht und der Taxifahrer Bayern München lobt und das ernst meinte und als uneingeschränkt positives Lob, der Ich-Erzähler sich aber für die Herrschaft des Deutschen Fußballs über Europa instinktiv schämt und versucht dies zu entschuldigen.
Weg damit! Das heißt nicht, dass man es gleich übertreiben muss wie die Amis, die in der High-School jeden morgen gemeinsam die Hymne singen und auch sonst bei jeder Gelegenheit. Das ist mir auch ohne Scham über die Vergangenheit suspekt.
Ich glaube, die Deutschen haben ihren natürlich vorhandenen Nationalstolz und Patriotismus bisher nur auf einen Lokalpatriotismus reflektiert. Das Altbierlied kenne ich von Kind an, ebenso das Lied über asoziale Kölner, die unter Brücken schlafen oder in der Bahnhofsmission. Letzteres Lied ist wirklich blöd und diese Köln-Düsseldorf-Plattitüden einfach nur doof. Die beiden geilsten Städte weit und breit beharken sich statt die gemeinsamen Potentiale zu nutzen. In den letzten zehn Jahren geht die Entwicklung immerhin auch in diese Richtung. Gut so. Zurück zum Thema: Bisher konnte man immer stolz auf seine Stadt sein, auf seinen Stadtteil, sein Bundesland oder Europa. Aber Stolz auf Deutschland? Das zu sagen hat sich niemand getraut und viele sicher auch nicht empfunden. Bums, plötzlich geht das und man fragt sich, warum es bisher eigentlich nicht ging? Wie Poldi sagen würde: Ey de Vollidiot...
Also los, positive Wirtschaftsentwicklung fängt bei der Einstellung an. Überhaupt: Die ausländische Presse stellt zu Recht diese Frage. "Ihr habt doch alles: Es ist sauber, high-tech, super Infrastruktur, wohlhabend, schön, blühende Landschaften, geiles Wetter, super Wirtschaft, nette (Überraschung!) Leute und ihr habt die geilste Party weit und breit im Haus. Was zur Hölle gibt es da zu jammern?" Genau, wo ist das Problem? Selbstkritik ist ne feine Tugend, aber in Selbstkritik ertrinken sicher nicht.
Mal schauen...
Kategorien : Zeitgeist
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